Druckschrift 
Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
Seite
73
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Briefe an Lessing . 1757.

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Mein liebster Freund!

Ich werde mein langes Stillschweigen nicht entschuldigen. Ichkann an die Ursachen davon nicht ohne Verdruß gedenken, und jetztist die Stunde, da ich mich aller verdrießlichen Vorstellungen einschla-gen will. Sie können dennoch unmöglich nachlheiligc Folgen darausziehen, denn Sie wissen, daß cS meine liebste Beschäftigung ist/ michmit Ihnen zu unterhalten.

Ich hatte mein voriges Schreiben räthsclhast geschlossen, um michin diesem deutlicher zu erklären. Ich hatte während Ihrer Abwesen-heit allhier, in Ihrem freundschaftlichen Umgange eine Art von Zurück-haltung bemerkt, die mich eifersüchtig machte. Sie haben öfters eigen-nützigen Bekannten mehr Dienstfertigkeit zugetrauet, als Ihren wahrenFreunden. Wie hätten Sie sich sonst entschließen können, lieber M-N-verbunden zu seyn, als mir Gelegenheit zu geben, Ihnen zu dienen?Ich schweige von dem Schaden, den Sie sich selbst verursacht haben.Sie hätten Ihre ganze Bibliothek bcv mir wieder finden können, stattdaß ich jetzt nicht mehr als einige spanische und holländische Bücherin Händen habe. Doch genug hiervon! Ich erwarte auch hieraufkeine Antwort von Ihnen, wohl aber das Versprechen, mich künftigIhrer ganzen Freundschaft würdig zu achten.

Hier sind Ihre Fabeln. Sie haben nicht alle meinen Beyfall.Jedoch sind folgende Stücke vollkommen Ihrer würdig: AesopuS undder Esel, der Rangstreit der Thiere, das Geschenk der Fcyen, der Affeund der Fuchs, und vielleicht auch der Geist des Salomo . In derFabel, Zcvs und das Pferd, ist die Erdichtung schön, aber die Mo-ral gemein-

Auch Ihre überschickte Komödie habe ich gelesen. ES bleibt dabev,das Divertissement ist das Beste daraus.

Wie ist es aber? Haben Sie an allen meinen überschicktcn Sa-chen gar nichts auszusetzen? Wissen Sie auch, daß cS sehr ärgerlichist, wenn man in allen Stücken ohne Widerspruch Recht bekömmt?Ich soll immer fortfahren, so lange ich eine gesunde Handhabe. War dieses alles, was Sie zu erinnern hatten? Ich will cSIhnen beweisen, daß meine gesunde Hand mehr schreiben kann, alsSie jemals billigen werden. Ich habe daS Naive dem Schwulsteentgegen gesetzt, und gesagt, es bestünde in Zeichen, die kleiner sind,als die bezeichnete Sache. Vielleicht ist diese Erklärung nicht ganzunrichtig, aber lioüuilo laiior scheint sie mir wirklich. Denn kommtnicht dieser Charakter auch dem Erhabnen zu? Nicht zwar dem Er-