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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
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Briefe an Lcssing. 1757.

habnen im Ausdrucke, sondern dem Erhabnen in den Gedanken. We-nigstens ist mir keine andre Erklärung vom Erhabnen bekannt. DieBaumgartensche thut mir kein Genüge. Longin sagt: CäciliuS habeeinen ganzen Traktat davon geschrieben: worinn das Erhabne undGroße bestehe. Er aber wolle die Mittel zeigen, durch welche mangroß und erhaben werden könnte. Er erklärt uns also nicht, waser unter erhaben verstehe, und Boileau, der diesen Mangel ersetzenwill, sagt auf gut französisch: es wäre eet extraoiäiriaire et oo wer-veilleux, hui 5i'»ppe 6ar>8 le 6i5oours, et hui isit ^u'un ouvrazeeoleve, ravit, tr-MZporte. Sind wir nun nicht eben so klug alsvorhin? ^uneta lupei-eiHo moveutis ist ein Ausdruck, der an Erha-benheit unstreitig das L-lt lux bey weitem übertrifft. Ein PhidiaSwürde aus diesen drey Worten vielleicht eben so gut, als aus demHomer, seine große Idee zum Jupiter haben hernehmen können. Alleinnach meiner Definition würde dieser Ausdruck naiv seyn; kann dieseszugegeben werden? ES fehlt mir zwar an Ausflüchten nicht, meineErklärung zu vertheidigen; allein ich möchte vorerst Ihre Meinungdarüber vernehmen.

Ich habe noch einen Gedanken gehabt, den ich von Ihnen gernebeurtheilt wissen möchte. Die natürliche Verbindung unsrer Begriffe,vermöge welcher unsre Seele per legera imagmatioii!8 von einerVorstellung auf die andre übergehet, hat den Virtuosen öfters gedient,ihre Gegenstände anschauender vorzustellen. Sie fügen zu einem jedenHauptbegriffe jederzeit die iäess loolas hinzu, die mit ihm in der Na-tur in Ansehung des OrtS oder des Raums verbunden sind, oder diewir öfters mit ihm zugleich gehabt haben. Ich drücke mich ziemlichdunkel auS; ich glaube aber, Sie werden mich besser verstehen, alsich mich ausdrücke. Nun sind unsre Begriffe auch öfters als Wirkungund Ursache mit einander verknüpft, und die Seele schließt von derUrsache auf die Wirkung, oder umgekehrt. Die Virtuosen haben sichdieses Kunstgriffs bedient, den Begriff der Ursache durch die Vorstel-lung ihrer Wirkung zu bereichern und anschauender zu machen. Sobrücken sie die Leidenschaften der Seele durch ihre Wirkungen undAeußerungen in Tönen, Bewegung und Geberdcn auS, und verviel-fältigen dadurch gewissermaßen die vorzustellenden Begriffe, indem sieunsre Seele von jeder Wirkung auf das Daseyn der Ursache schließenlassen. Dieses vorausgesetzt, habe ich mich nach Exempeln umgesehen,da man in den schönen Künsten auch umgekehrt die Wirkung durchdie Ursache vorstellen oder beleben würde. Allein ich habe nicht ohneVerwunderung wahrgenommen, daß diese Beyspiele sehr selten sind.