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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
Seite
90
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Briefe an Lessing . 1757.

Sie habe» Recht, mein liebster Freund! Wie es scheint/ so würdeich die Frage nicht gethan haben, wer Sie zu Leipzig zurückhalte,wenn ich den Verfasser des Frühlings persönlich kennte. Ich habe,ohne diesen Mann zu kennen, eine wahre Hochachtung sür seine Ta-lente sowohl, als für seine Sitten, nach der Beschreibung, die seineFreunde von denselben machen. Die Seelen dieses ManncS scheinenin ziemlicher Corrcspondcnz mit einander zu stehen.

Mit dem Tode AdamS verstehe ich Sie noch nicht recht. Erkla-ren Sie sich also deutlicher, wenn Sie besser verstanden seyn wollen,als Klopstock.

Daß Sie Trauerspiele im Kopfe fertig haben, das haben wirschon lange gewußt. Aber mit Ihnen ist cS nun wieder eine andrePlage. Bey andern Schriftstellern strömen die Gedanken aus demKopfe auf das Papier, ohne in das Herz hinüber zu gehen, und beyIhnen ist gerade das Gegentheil. Ihre Gedanken finden den Wegnach der Hand ziemlich spät.

Eben jetzt erhalte ich Hrn. Nicolai'S Schreiben zum Einschlagen.Er will durchaus, ich soll Ihnen die Verse schicken, die ich neulichaus Verdruß über vcrschiednc Widerwärtigkeiten gemacht habe. ESsey also! UcbrigcnS kann Herr Nicolai versichert seyn, daß ich dieschonen Wissenschaften nächstens abdanke. Aber erst will ich einenBrief machen, in welchem ich meine Gedanken von den schönen Wissen-schaften ganz frey heraussagen werde. Ich verwerfe sie nicht alle, aberich will für mich eine Wahl anstellen- Jedoch hiervon ein andermal.

Leben Sie wohl, und lassen Sie uns bald von demjenigen etwassehen, das Sie im Kopfe fertig haben. Das Trauerspiel ist gewißeine Branche von den schönen Wissenschaften, die mir vorzüglich ge-fällt. Ich bin

Ihr

Berlin , wahrer Freund

den Nov. 1757. MoseS.

Geliebter Freund!

Ich kann nicht umhin, Ihnen eine Neuigkeit mitzutheilen, die Ih-nen ihrer Seltenheit halber vielleicht nicht unangcnchin seyn wird.Ich will nunmehr für nichts l» der Welt mehr schwören, da es schonso weit gekommen, daß ich eine Predigt schreibe, und einen Königlobe. Ich habe auch einige hebräische Danklicder ins Deutsche übcr^seht, und sie sind gedruckt. Sie scheinen mir aber nicht wichtig gc-