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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an L-sstug. 1759.

Halberstadt / den 28. Februar 1759.

Unser Streit (es kommt mir schwer an, dies Wort zu brauchen)hat ein Ende. Ich werde dem Grenadier über die zwey Stellen daSVerständniß öffnen. Wie könnte er mit dem Gebrauche, den Sie inden Briefen von seinem Gedichte gemacht haben, u> Zufrieden seyn?Ich stehe Ihnen dafür, daß die Zeile: Minerva ,a«e da noch ei-nen andern Liebling zu schürzen; ihm keinen geringern Kunstrichter/als den, dem er seinen ganzen Dichtcrruhm zu danken hat, verrathenwird; folglich kann ihn von dem allen, was bey Gelegenheit der aus-gelassenen anstößigen Stellen gesagt worden, nichts beleidigen, undich habe ja auch nichts als Lob darin gefunden- Sie liebster Freund,oder Herr Nicolai, mögen von den Briefen Verfasser seyn, odernicht, so gefallen sie mir doch so sehr, daß ich nichts mehr als einelange Fortsetzung wünsche. Je mehr Bolzen von meinem Lessmg ichdarin finde, desto angenehmer werden sie mir sevn. Denn wer ist eingründlicherer Kenner der schönen Wissenschaften als er? wer hat rich-tigern Geschmack und allgemeinere Gelehrsamkeit? Es thut mir nurleid, daß ich sie, nach der Nachricht in dem ersten Bogen, auf demhiesigen Postamt- nicht alle Woche haben kann, vielleicht aber kanndie Nicolaische Buchhandlung sie mir durch das Berlinische Postamtübersenden, welches mir sehr angenehm seyn sollte.

Noch das letzte Wort wegen des Grenadier-Gedichts. Die Ver-wünschung der Sclbstherscherin hat nichts weniger als in Segenverwandelt, sondern nur in der Zeile:

Denn du gabst nicht den schrecklichen Befehl ».versteckt werden sollen. Hat sie ihn gegeben, so trifft sie das LooS derHäupter über die Kalinucken. Wegen ihrer Menschenliebe ist sie ge-rühmt, weil unser Manifest sie deshalb soll gerühmt haben!

Doch wird der Grenadier bey erster Muße die Aenderung nachIhrem Sinne machen; denn ich bin vollkommen Ihrer Meynung, daßdie nach Ihrem Vorschlage die beste ist.

In einem Ihrer vorigen Briefe verlangten Sie eine Probe vonmeinen Uebcrsetzungcn des Anakceon. Hier sind die drey ersten Oden.Billig sollt' ich mich vor Ihren Luchsaugen fürchten. Aber nein; Siewissen, wie schwer es ist, den leichtesten Dichter gut zu übersetzen.Hundertmal schrieb ich hin, und strich auS; und immer war ich mitmeinen Versuchen unzufrieden. Nur einen schönen Maymonat bitt'ich von den Göttern ohne Geschäfte; dann glaub' ich, sollten Sieso gar mit ihnen zufrieden seyn.