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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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103
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Briefe an Lessing . 1769.

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Halbcrstadt, den 9. Febr. 1769.

Aus einem Schreiben meines lieben 2Ueist, crseh' ich zu meinemgrößesten Leidwesen, daß Sie mich bey ihm verklagt haben müssen.Er giebt mir darüber, daß ich auf Sie böse sey, weil Sie mir dieWahrheit gesagt, und Schwarz schwarz genannt hatten, ziemlich derbeVerweise. Nein, liebster Freund/ ich kann'S nicht glauben, daß Sieaus meinem letzten Schreiben, oder auch aus allem dem, was ich anHerrn Ramlev zur Entschuldigung des Grenadiers geschrieben habe,den Anlaß zur Verklagung haben nehmen können. Ich böse sevn aufmeinen Lessing, weil er mir seine Meinung über das Gedicht desGrenadiers an die Kriegesmusc gesagt hat? Nein, das konnt' ich nicht;und daß ich einige Einwendungen dagegen machte, das konnten auchSie mir nicht übel nehmen. Geben Sie mir doch also zu den Wor-ten meines Rleist, die mir mehr, als ich einsehen kann, zu sagenscheinen, den Schlüssel. An meines Lessings Freundschaft ist mir zuviel gelegen, als daß ich desfalls in Ungewißheit seyn könnte.

Herr Ramler sagte mir, Sie wollten wegen der Einäscherungvon Küstrin keine sieben Zeugen gelten lassen. Ich sagte dies demGrenadier, und er änderte sogleich die anstößige Stelle. Auch ist dieandere Stelle, welche für die russische Kavscrin bedingungsweise Fluchwar, aus Gefälligkeit für den alten Freund des Grenadiers, Segengeworden, so, daß ich'S wagen darf, diese neueste Ausgabe Ihnen gra-dczu zu übersenden, mit Bitte, den unschädlichen Gebrauch, den Sievon der ersten Ausgabe nach einiger Zeit machen wollten, nun vondieser neuen zu machen, und mich, und den armen verwundeten Gre-nadier (deu Sie ganz furchtsam gemacht haben, wieder etwas zu sin-gen) zu überzeugen, daß Sie noch mein Lessing, und noch der alteFreund seiner Muse sind. Die Censur wird nach Abänderung der an-stößigen Stelle nicht verweigert werden. Allenfalls kann Herr Voßohne Bedenken, nach der Meinung des Hrn. von Hcrzberg, mitVerschweigung des OruckortS den Verlag übernehmen. Sehr gern willich, im Fall des besorgten fiskalischen Anspruchs ihn schadlos halten.So lieb ich aber auch den Grenadier habe, so möcht' ich, wie HerrLange, die Erlaubniß, die ihm von der Regierung zu Magdeburg abgeschlagen war, doch nicht unmittelbar bcv'm Könige nachsuchen.Vom Könige selbst erhielt er sie sogleich. Wenn also die Censur nö-thig ist, und Herr voß ohne dieselbe das Gedicht nicht drucken will,so bin ich so eigensinnig, und rathe dem Grenadier, die Handschriftin seine Patrontasche zurückzunehmen.

Eleim.