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Briefe an «essing. 1769.
habe ich sie an ihn übersandt, und ihn gebeten, sie Ihnen zu geben,wenn er fände/ daß die Aenderungen nach Ihrem Sinne gerathenwaren. Dadurch/ daß Sie sagten: ich wollte diese Stelle zum zwcy-tenmale nicht lesen, und wenn ich noch so viel damit gewinnen konnte;dadurch/ liebster Freund, hatten Sie mich furchtsam gemacht/ sie Ih-nen selbst zu senden. Ich wünsche indeß nichts mehr, als daß Siedamit zufrieden sey» mögen, und bin beynahe über Herrn Ramleretwas böse, daß er ansteht, mich davon zu unterrichten. Denn schonam 7. Januar hab" ich sie ihm übersandt. Auch hab' ick) ihm allesgesagt, was ich sagen würde, wenn ich den Grenadier wider IhreVorwürfe vertheidigen sollte. Daß Sie ihn für einen Patrioten hal-ten, der vergessen hat, daß er ein Weltbürger scvn sollte: nur diesenVorwurf, liebster Freund, bitte ich Sie, zurückzunehmen. Er hatihn gewiß nicht verdient, und wenn Sie diese Meinung von ihm be-hielten, müßte Ihre Achtung und Freundschaft für ihn sich vermin-dern. Ein solcher Patriot, dünkt mich, kann nur ein sehr kleinerGeist seyn. Noch cinS! Sie sagen: „ES scheint, er läßt sich zuleicht in Harnisch jagen — ich fange an mich vor ihm zu fürchten."Wie ist eS immer möglich, so von ihm zu denken? Meines Wissenshat er Ihnen nie die geringste Gelegenheit dazu gegeben. Er kann,das versichere ich Ihnen, nichts leichter ertragen, als Kritik, odervielmehr, Tadel seiner Gedichte, so unangenehm eS ihm scvn mag,dem Lcssing zu mißfallen, dem er zu gefallen das Vergnügen ge-habt hat.
Sagen Sie mir doch, wer die Censur verweigert hat? Ich möchteeS aus gewissen Ursachen sehr gern wissen. Die Erwähnung des vonRatt konnte deswegen nicht anstößig seyn, weil der König in dieserSache sich selbst Unrecht gegeben, indem die Sache nicht berührt, son-dern nnr als ein, dem Herzen des Königs Ehre machender, wahrerhistorischer Umstand angeführt wird. Indeß ist sie in der neuen Aus-gabe doch weggelassen. Ich habe nie besorgt, vom Könige gelesen zuwerden, wenn man Deutsch schreibt. Aber ich muß abbrechen; dennich will schlechterdings diesen Posttag nicht versäumen, sondern Sieumarmen, liebster Freund, und Ihnen sagen, daß ich Ihr getreuerGleim bin, dem Sie nie eine größere Freude machen können, alswenn Sie ihm je eher je lieber antworten. Ich habe mich seit einigerZeit nicht wohl befunden. Wenn Sie mir fleißig schrieben, würd' ichmich alle Zeit wohl befinden. Vergnügen erhält gesund. Ich bin -c.
Gleim.