Druckschrift 
Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
Seite
108
Einzelbild herunterladen
 

108

Briefe a» Lessing . 1759.

gereist, und nun kann ich vor Betrübniß nicht. Meinem Bruder aberhab' ich aufgetragen, unter den dortigen Russischen Gefangenen/ welcheauf dem Punkt stehen ausgewechselt zu werden, einen Menschen auf-zusuchen, und ihn zu bitten, der Schutzgott unsers Rleist's zu seyn.Aber wenn er unter den zehntausend Todten begraben wäre! O, lieb-ster Lessing , ich kann es nicht denken! Der Gedanke ist mir gar zuabscheulich.

Glejm.

Halberstadt , den 13. Scptemb. 1759.Ich kann Ihnen unmöglich schreiben. Ich bin allzutraurig. HerrNicolai hat mir nicht geschrieben. Ich möchte ihn so gern bitten,mir alle Umstände von dem Ende meines Freundes zu melden; aber,Gott weiß cS, ich kann keine Feder ansehen. Bitten Sie ihn doch inmeinem Namen. Ich bin in Magdeburg gewesen. Die Absicht wis-sen Sie. Aber, leider! erfuhr ich von einer Kammerfrau der Königin,die nicht wußte, was sie mir sagte, die tödtcnde Post! Die Königinund der ganze Hof, sagte sie, beklagten den Tod eines gewissen Herrnvon Rleist. Hernach sagt' eS mir auch der Herr von Herzberg;und als ich zu Hause kam, fand ich Ihr Schreiben. O, mein lieberLessing, ich empfinde ein HorazenS: ^uicl moi-n- allera? Herr Bach-mann begleitete mich von Magdeburg hierher: aus Mitleiden, meineTraurigkeit zu mindern; aber umsonst. Ich kann mich nicht zufriedengeben; ich habe gar zu viel verloren. Wie wär" cS mir möglich, iytin Versen zu klagen! Sie dürfen nicht sorgen, daß ich Herrn Nico-lai O, ich kann davon nichts weiter sagen. Entschuldigen Siemich doch bey meinem lieben Rrause, daß ich ihm nicht antworte;und wenn cS möglich ist, so schreiben Sie mir doch nur zwey Zeilenmit jeder Post. Der arme Ramler! wie wird er sich erschrecken, wenner die Todespost hört! Ist er wieder gekommen? Sagen Sie dochHerrn Sulzer , daß Herr ZZachmann ein Paar Tage bey mir gewe-sen ist! Erkundigen Sie sich doch nach dem Medailleur, der die Me-daille auf Hallern gemacht hat. Wenn ich genug geweint habe, dannwill ich daS Andenken meines Freundes stiften; verewigt hat er sichselbst. In welcher Kirche zu Frankfurt liegt sein theurer Rest? Ichmöcht' ihm gar zu gern ein würdiges Grabmahl sehen lassen. Erkun-digen Sie sich doch nach allem, und helfen Sie mir in allem. Erwar Ihr Freund, wie der meinige. Ich habe die Tage her seineBriefe zusammengesucht. O, was für ein Freund war mein Aleist!Welch ein trauriges Wort! Schon vor zwey Jahre» tröstete er mich