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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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107
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Briefe an Lessing. 175l).

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stände, in welchen wir unsers OrtS uns bisher befunden habe». Wasmich hauptsächlich tröstet, ist, daß er sich in Frankfurt befindet. Wennnur nicht alles geflüchtet ist! Ist Nicolai, ist Vaumgarten dort ge-blieben, so werde» sie sich seiner angenommen haben. Wer wollte sichnicht glücklich schätzen, eines Rleist's sich annehmen zu können? Aber,wenn ich daran denke, daß er gefährlich verwundet, daß er todt seynkann, dann bin ich ohne Gedanken.

Sollte man nicht machen können, daß ein Trompeter ins feind-liche Lager abgeschickt, und er besonderer Pflege anvertrauet würde?Denken Sie doch darauf! thun Sie allenfalls eine Reise zu unsrer Ar-mee. Ich will nach Magdeburg reisen, und unter den gefangenen Of-fizieren Jemanden ausmachen, der ihn der feindlichen Generalität em-pfehlen kann. Wir können von hier aus an alle französische Officierschreiben, warum sollte man nach Frankfurt keinen Brief solchen In-halts bringen können ? Sparen Sie doch weder Mühe noch Kosten, lieb-ster Freund. Letztere übernehm' ich; ich muß das Geld hergebrn, dasSie meinem theuren Aleist nachsenden. Gott gebe nur, daß er nochetwas nöthig hat!

Schreiben Sie mir doch ja, ich beschwöre Sie, alle Posttage, vor-nehmlich, wenn Sie hören, daß er außer Gefahr ist.

Gleim.

Halbcrstadt, den 31. August 1759.

Gestern war ich stummer Schmerz; heute kann ich weinen. Lese»Sie, liebster Freund, beygebenden abscheulichen Brief von dem Schick-sal unsers Rleists, und weinen Sie mit mir. Er ist vom löten; derIhrige war vom 26sten. Auch hat das Feldpostamt meinen letztenBrief vom 20sten an ihn hierher zurückgeschickt, und darauf gesetzt:Zurück nach Halbcrstadt; ist in Frankfurt gefangen. Die letzten Nach-richten also gäben noch eine schwache Hoffnung seines Lebens. Aber,o Gott! hattest du keinen Engel für einen Rlcist? Alle meine Ge-danken, ich zitt're sie zu denken, sind wider Gott. Hätten Sie mirdoch nur mit einem Worte gesagt, woher Sie wissen, daß er in Frank-furt gefangen ist, oder nur gestern eine Zeile geschrieben! Sie wissenja, waS ich verliere, wenn Er nicht mehr lebt. Keinen Freund, kei-ne» Bruder, keinen Vater, die ganze Welt verliere ich. - Aber viel-leicht sind Sie nach unsrer Armee gereist. In diesem Falle hätte HerrSul,er oder Herr Rrausc mir doch schreiben sollen. Ich bin, weilich Ihren zweyten Brief abwarte» wollte, noch nicht nach Magdeburg