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Freund, könnten mir keine größere Freundschaft erweisen, als wennSie mir von seiner tragischen Schreibart, und seinem Genie zurTragödie die klarste Wahrheit sagten. Zeither ist er so voll Tragödiegewesen, daß er alle Nächte hindurch eine geträumt hat! Dem halbenAeschylus und dem ganzen Sophokles, hätt' er das deutsche Costumangelegt, wenn es während dieses Enthusiasmus ihm nicht an Zeitgefehlt hätte. Vielleicht zu seinem großen Autorglück! Geben Sie,Bester, uns Ihre Sophokleischen Arbeiten doch bald zu lesen! Dieverlangte lateinische Uebersetzung (Naoxeorgi) kommt hierbei); sieläßt sich, dünkt mich, besser lesen, als die von Vitus Winshemius.Wenigstens giebt ihr die beobachtete Scansion großen Vorzug.
Zu meiner großen Freude war ich in unserm Halberstadt durchSie der Erste, der die?oelies 6ivorte3 hatte.
Wen ich für größer halte- den Dichter, oder den König? Beydefür gleich groß, für gleich einzig, wenn ich so sagen darf. HelfenSie doch, Bester, den Dichter wider den Schwärm Uebersetzer beschützen,der, mit der Feder in der Hand, auf ihn loSgeht, und ihm schädlicher,als der Schwärm holländischer Priester, seyn wird! Mit drey Ueber«setzungen schon hat uns der Meß-Catalogus bedroht. Schießen Siedoch aus Ihren kritischen Briefen Ihre tödtlichsten Pfeile baldmöglichstauf sie ab; vielleicht wird einer doch getödtet. Der Grenadier wirdan seines Königs Gedanken sich nicht wagen; einen schüchternen Ver-such hat er doch gemacht. Ich leg' ihn bey. Was sagen Sie dazu?Ein Paar Verse wenigstens werden so gut gerathen seyn, daß Siesie werden anführen, und da»iit dem schlechtesten Uebersetzer die Federaus der Hand winden können. Zeigen Sie sie doch Herrn Ramler.Zehnmal verbessert, kann aus ihnen etwas werden.
Wollen Sie mich denn nicht einmal besuchen? Machen Sie dochmit Herrn Ramler in diesem Sommer Gesellschaft. Es war nahedabey, daß ich diese Pfingsten bey Ihnen seyn sollte; leider aber istes zurückgegangen.
Gleim.
Bester Freund!
Ich lebe seit Ihrer Abwesenheit, mitten in dieser großen Stadt,wie in einer Einsiedelei). Herr Ntcolai hat seitdem beständig mit derHerrlichkeit seiner Hochzeit zu thun gehabt. Noch hat er Ihren Briefnicht einmahl gelesen, denn schicken mochte ich ihn ihm nicht, und ihnzu besuchen, finde ich vor der Hand noch bedenklich, so lange allesLesflngs Werke xm> g