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Briefe an Lesstng. 1761.
lich, daß Sie sehr zufrieden lebten, und die Muße, die Ihnen IhreGeschäfte lassen, noch immer den Wissenschaften widmeten. Ich willnicht hoffen, daß diese eben so erlogen seyn soll als jene? Doch wennauch Herr Ioel nichts als gelogen hätte; so bin ich nichts desto weniger
Liebster Freund I
Unser Briefwechsel ist lange genug unterbrochen gewesen. Ichmuß ihn nunwehr erneuern. Ich wurde nimmermehr so lange habenschweigen können, wenn ich nicht eine Reise nach Hamburg gethanhätte, die mich in tausend Zerstreuungen verwickelt hat. Ich habedas Theater besucht, ich habe Gelehrte kennen lernen, und was Sienicht wenig befremden wird, ich habe die Thorheit begangen, mich inmeinem dreyßigsten Jahre zu verlieben. Sie lachen? Immerhin! Werweiß, was Ihnen noch begegnen kann? Vielleicht ist das dreyßigsteJahr das gefährlichste, und Sie haben dieses ja noch nicht erreicht.Das Frauenzimmer, das ich zu heyrathen Willens bin, hat kein Ver-mögen, ist weder schön noch gelehrt, und gleichwohl bin ich verliebterGeck so sehr von ihr eingenommen, daß ich glaube, glücklich mit ihrleben zu können. An Unterhalt, hoffe ich, soll es mir nicht fehlen,und an Muße zum Studieren werde ich mirs gewiß nicht fehlenlassen. Zum Hochzeitkarmen sollen Sie noch ein ganzes Jahr Zeithaben, aber alsdenn muß Ihre reimfaule Muse die siaubigte Leyer wie-der ergreifen; denn wie könnte ich unbesuugcn Hochzeit machen? — Soviel von meinen häuslichen Angelegenheiten, die Sie vielleicht weniginteresstrcn, aber doch zu meiner Entschuldigung dienen.
Ich bin nunmehr seit einigen Tagen wieder hier. Das erste,das mir zum Lesen in die Hände fiel, waren einige Briefe in Rous-seaus nouvello Ileloile, die vom Selbstmorde handelten. Sie habenmir gefallen, so gefallen, daß ich Sie um Rath fragen muß, ob ichin der zwoten Auflage von meine» Empfindungen nicht von diesenschönen Briefen Gebrauch machen soll. Er hat diese Materie so spitz-findig nicht behandelt, als ich; allein er hat sie näher ans Herz ge-legt, und ich glaube, daß dieses die rechte Seite sey, von welcher dieseAngelegenheit betrachtet werden muß. Der Schluß seines 22ten Briefes
Ihr