Briefe an Lcssing. 1768.
141
Döbbelin spielte den Wachtmeister; jedermann sagte, ein gcborncrWachtmeister! öS ist recht ärgerlich, daß er nicht gut memorirt kalte,und also oft ein Wort z» sehr dehnte. Sein Herzenswunsch wurdeerfüllt: man beklatschte ihn so viel, daß es den übrigen Zuschauernlästig fiel. Ob er allezeit wußte, warum, daran liegt mir nichts,und ich gönne meinem Nächsten immer mit ein Vergnügen, wo ichselbst Vergnügen habe.
Seine Frau war Minna. Ob sie so ganz mit Leib und Seeledies zum ersten und einzigen Male liebende Fräulein war: da§ willich nicht untersuchen, Sie hat ein gutes Gedächtniß, ist unverdrossen,und wäre ihre Sprache besser, so könnte ste, selbst ohne Empfindung,ihre Rollen mit Empfindung zu spielen scheinen. Just war Kalte;er spielte ihn besser, als ich glaubte: nur plumper hätte er seyn sollen.Den Wirth machte Schulze. Obschon oft ausgepfiffen, war er dochhier an seiner rechten Stelle. Das ganze Parterre vergißt den schlech-ten Akteur, sobald der schurkische Wirth und Hainburgische Grobianspielt. Ehe ich auf den Franzosen komme, den Lambrecht wachte, einkleines Anekdötchen! Többelin hatte diese Rolle seinem BallctmcisterDupuiS bestimmt; aber dieser zögerte so lange, ungeachtet er mir selbstversprochen, sie zu übernehmen. Einige seiner LandSlcute mochten esihm wohl abgerathen haben; denn er ist ganz dazu geboren, sich indieser Rolle zu verewigen. Er spricht gut Französisch, hat sogar, wieer sich Deutsch ausdrückt, die Premier«Rollen gemacht, -lai' Ironneur,nicht um Geld; und den hätte ich sehen wollen, der von ihm einWort anders gehört hätte, als eS vorgeschrieben war. Ich glaubte,das wenigste, was Lambrechlen widerfahren könne, sey, ausgelachtzu werden. Aber nein, auch er übertraf alles Erwarten. Er hattesich unbeschreibliche Mühe gegeben. Er sprach das Französische ziem-lich richtig. Ueber seine Kunst, das Glück zu corrigircn, lächelte ersich selbst wahre BeyfallSmiencn zu. Bey dem allen aber hätte dieRolle immer besser gemacht werden können. Doch es wäre ungerechteTadclsucht, deswegen Speisen unschmackhaft zu finden, weil es aufandern Tafeln bessere und delikatere giebt. Wenn der Kritiker esthut, so handelt er vielleicht recht: er ist gleichsam der Wirth, der denKoch belehren will; bey dem Gast aber wäre es blanke Ungezogenheit.
Die Dame in Trauer war die Schmclzinn. Sie dckiamirt sehrrichtig; ich habe mir aber ein anderes Frauenzimmer, als sie spielte,unter dieser Rolle vorgestellt. Den andren Bedienten machte der jün-gere Fclbrig, und den Grafen von Bruchsal äußerst schlecht ein gewis-ser junger Wille.