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Briefe an Lcssing. 17W.
Wochen geben wollte, und erst gestern gab. Ja, ja; Döbbclin gabsie! Und ich muß Dir sagen, er hat damit das Publikum versöhnt,das in seine Bude gar nicht mehr kommen wollte. Gestern sah ichaber ein ganz volles Parterre, und, was noch seltener ist, ein ver-gnügtes. Gewiß, Bruder, seit langer Feit hatte ich keine» so frohenAbend, und denke auch heute ihn wieder zu haben.
Aber haben sie es denn so herrlich gemacht? wirst Du fragen.Sie haben wenigstens nichts verdorben.
Inhalt, Charaktere und Situationen des Stücks sind mir gewißnicht unbekannt, und ich habe mir manchen Spaziergang damit ver-kürzt, nachzudenken, wie diese oder jene Stellen nach meiner Mey-nung zu machen wären. Dem ungeachtet ist mir in der ganzen Lor-stellung nicht mein Eigendünkel eingefallen; noch weniger, daß ich vorder Bühne stand: da ich doch zwischen dem zweyten und dritten Aktin der Garderobe war, und aus dem schlanken, kalten nnd unrcitzba-ren Körper der Döbbclin die einnehmende Minna formen sah. Willman mehr, so giebt man sich freylich ein großes kritisches Ansehen;man ist aber auch unbillig. Doch ich komme ins Schwatzen, woreinsich meistens unsere angenehmen Empfindungen aufzulösen scheinen,und will Dir also nur kurz sagen, wie die Rollen vertheilt waren.Den Tellheim machte Schmelz. Er hat nicht die angenehmsteSprache; aber seine Figur, seine Aktion, seine stille Empfindung ent-schädigen. Er war ohne alle heftige Gestikulation, und man sah doch,wie ihn das Unglück niedergeschlagen, wie er vor Verdruß über wider-fahrneS Unrecht ganz unthätig, ganz fühlloS geworden, und Recht-schassenheit und Edclmuth an ihm nur noch mechanisch waren. Wiebitter lachte er über das Unglück! wie sehr zwang er sich, seine zärt-lichen Empfindungen zu unterdrücken! Aber vor allen andern, seineauf einmal erwachende Zärtlichkeit, da er seine Minna unglücklich sah!Ohne Uebertreibung versichere ich Dich, ich habe noch keine solche wahre,edle und doch feurige Liebe auf dem Theater gesehen, als in dieserSituation. Freylich kenne ich wenige Theater, und davon mag wohlauch etwas in meinem Lobe liegen. Eckhofen kenne ich von Leipzig her, und nach der Sage aller, ist er der beste Deutsche Akteur; ichwette aber Eins gegen Hundert, er macht den Tellheim nicht besser.Das Aeußere will ich gar nicht rechnen, ob cS gleich auf dem Thea-ter in Anschlag kommen muß, man denke so geistig als man will.
Die Schulzin war FranziSka. Nun, weil Du ste gesehen, willich nichts sagen. Man muß ihr in dieser Nollc doch gut seyn; wr-gen ihrer Schönheit außer dem Theater gewiß nicht!