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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
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176
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Briefe an Lcssing. 17«ö.

Berlin, den 1, Julius 1769.

Liebster Bruder,

Einige Zeit dachte ich Dich schon auf der Reise nach Italien ;hernach wollte Hohlfcld') nach Hamburg , und mit diesem wollte ich

einem vollständigen deutschen Wörtcrbuche cmworfe» balle. Ich Halle oslmit Moses und auch mit Lcssing darüber gesprochen, der meine» Plan billiglc,obgleich seine Kollcktancc» nach einem ganz andern Plane gemacht waren.Ich hatte damals im Sinne, meinen Plan drucken zu lassen, ihn durch einigeBeyspiele zu erläutern, und nachbcr zu versuche», ob Ich ihn könnte aus-führe» lassen. Meine Zdce war folgende:

Ein Wörterbuch soll nicht dienen, die Sprache zu bestimmen oder siefestzusetzen, wie die Franzosen meinten. Jede Sprache bildet sich durch denGebrauch, der davon gemacht wird, und verändert sich nothwendig wieder,wenn sich die Begriffe der Nation verändern. Zn Frankreich und England wird die Sprache der Schriflsteller durch die Konvcrsalionssprachc in denHauplstädlen ausgebildet. In Deutschland müssen wir einen große» Theildieses Vortheils entbehre», weil wir keine Hauptstadt haben, weil die dculschcnHauptstädte wechselseitig ihre Sitten und ihre Art zu spreche» fast gar nichtkennen, u»d weil der größte Theil uuscrs feinern und vornehmer» Publikumssich noch immer nach fremden Eilten formt, untcr Begriffen anfwächset, dievon fremden Nationen entlehnt sind, und fremde Sprachen spricht. Daherfindet man in unser« Lustspielen und Romanen sehr deutlich, wie arm undungebildet unsere Konversationssprache ist, obgleich unsere Sprache sonst fürso reich und gebildet gelten kann. Man merkt es in deutsche » Schriftensehr deutlich, daß wir in uuscrer Literatur mcbr eine lesende, als eine spre-chende Nation sind. Lcssing selbst erkannte, daß sogar unsere dramatischenStücke mehr gelesen als vorgestellt werde». (Man sehe Lessings Briefwechsel milMoses Brief 35. Th. 28. S. 222.) s^Bd xn, S. 9j/> Da nun unsere vor/trefflichsten Schriftsteller selten mit der lebenden Welt umgehen, selten mündlichmit feinen Kennern, die nicht Schriftsteller sind, Gedanken wechseln, oder de-ren Urtheile hören können: so haben sie sich selbst bilden müssen, und sehrlangsam wird das Publikum durch sie gebildet; unser Publikum aber bildet fastgar nichts an den Schriftstellern, und vor dreißig Jahren geschah dies nochweniger. Daher gilt von der deutschen Sprache noch vorzüglicher, daß eindeutsches Wörterbuch ein Register der Wörter seyn mnß, welche die Schrift-steller gebraucht haben, nebst der Art, wie sie dieselben gebrauchten.

Eine noch größere Schwierigkeit bcv einem deutschen Wörtcrbuchc ent-stehet aus einer Vollkommenheit, die unserer Sprache allein eigen ist. Diedeutsche Sprache ist unter allen netteren die einzige, (wenn man allenfalls

*) Hohlfeld, einer der sinnreichsten Mechaniker, der zuletzt eine Pensionvon der Akademie zu Berlin hatte, welche ihm auch viele seiner Kunstsachcnabkaufte. Rarl G. Lcssing.