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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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185
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Briefe an Lessing . 1769.

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wo man fast alle englische und zum Theil französische Schriften nichtlesen darf/ wo man noch ganz kürzlich den phädon confiScirt hat,

regeln, und Mißverständnisse mancher Art waren Schuld, daß diese Unter-mu»g so bald fallen mußle. Ich weiß nicht, was das Wort Nationaltheaterbedeuten soll, das zuerst dem Theater In Wien zu einer Zeit beygelegt ward,da es kaum mittelmäßig war, und das die Herren Schauspieler seitdem al-lenthalben zum Scherwcnzcl gebraucht haben; aber ein sehr vorzügliches Thea-ter zu besitzen, ist Hamburg gewiß der erste Ort i» Deutschland .

2) Die von ihm in Gesellschaft mit Äode angefangeneBuchdruckerey und Verlagsunternehmung.

3) Die vom Raiscr Joseph erwartete Verpflanzung einer Rs-lonie von deutschen Gelehrten aus dem nördlichen Dculschlandenach Wien .

Alle diese Dlugc gelangen nicht, und konnte» nicht gelingen. Dadurchkam Lcssing iu eine Mißmüthigkeit, durch welche die ihm sonst so natürlichegute Laune sehr oft ganz wcggcschcucht ward. Wenn ich Lessiugs Bcrlags-unleriichmung hier mit unter die Sachen setze, deren Mißlingen ihn auflange Zeit mißmüthig und bitter machte, so glaube mau ja nicht, daß ich zuverstehe» gebe» wolle, Eigennutz und die verfehlte Hoffnung des Gewinneshabe unsern Lcssing mißmüthig gemacht. Dieser edle Man» war ganz freyvon Eigennutz. Er glaubte, durch diese Unternehmung sollte die deutsche Li-teratur bald in einer viel glänzender» Gestalt erscheinen; und darüber, daßdieses nicht geschah, ward er so biller. Es war freylich aus Maugcl a»Kenntniß des Buchhandels und aller dahin gehörigen kaufmännischen Ge-schäfte, daß er glaubte, es liege hauptsächlich au der Art, wie der deutscheBuchhandel geführt wird, daß die deutsche Literatur eine so unvollkommeneGestalt hat, und daß er sich zutraute, eine Vcrlagsuntcrnehmung zu niachcu,wodurch diesem Uebel abgeholfen würde; aber er glaubte es doch, und trautees sich zu. Die Gelehrten sollte» dadurch, seiner Meinung nach, nicht nurgrößer» Bortheil vo» ihrer Arbeit genieße», sonder» auch durch das Mu-seum, (so sollte das Journal heißen, worin bloß Werke der beste» KöpfeDeutschlands aufgenommcu werden sollte»,) viel bekannter werden. Dadurchhatte die Idee von diesem Journale eine gewisse Verbindung mit der nachWien zu verpflanzende» Kolonie. Denn der Kaiser sollte natürlich das Jour-nal lesen, und die besten Köpfe dadurch besser kenne» lernen.

Diese fehl geschlagenen Hoffnungen, besonders bcv dem sogenannten aka-demischen Theater, wobey mau sich in mancher Rücksicht nicht zweckmäßigbrnahm, und Lessiugs dadurch erregte Mißmülhigkcit erklären ganz natürlich,warum er seit der Zeit so wenig mehr mit dem deutscheu Theater wollte zuschaffen haben. Es erklärt sich auch aus seinem nüßmülhig gewordene»Sittiic ganz »alürlich, warum er damal mit der deutsche » Literatur überhauptso übel zufrieden war, daß er den plötzlichen Entschluß faßte, uach Italic»zu gehe», wo er lateinisch für die Gelehrte» aller Nationen zu schreiben