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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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184
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Briefe an Lessing . 1709,

stände/ von denen ich wünschte unterrichtet zu seyn. Zu der Freyheitzu denken, gehört doch wirklich die Freyheit zu schreiben, und in Wien ,

mir seltsam vor, das; man nach einer Seestadt, wie Hamburg , aus einer In-nerhalb Landes, wie Berlin , eine Waare verschrieb, die über See kommt.Bey Ucbcrscudung der Felle schrieb ich an Boden, über den »icrkanlilischcnGang dieser lcvanlischcn Waare von Berlin nach Hamburg , einen Brief ineinem lustigen Tone, den wir in unsern Briefen auch sonst wohl zu brauche»gewohnt waren. Es kann möglich seyn, daß mir im Laufe der Feder irgendei» scherzhafter Einfall über die Kolonie entfahren ist, die dem Korduancfolgen sollte. Bode verstand sonst recht gut Spaß, so wie Lessing . Aberbeide hatten gemeinschasilich große Erwartungen gehabt, die anfingenfehl zu schlagen, also hingen sie an dieser Hoffnung, deren gute» Erfolg sieso sehr wünschten, daß sie ihn für unfehlbar hielten. Daher war dies da-mal ihr empfindlicher Fleck; es war ihnen unangenehm, wenn einer ihrerFreunde nicht gleich auch eben so warme Hoffnungen hegte als sie. Um somehr waren sie verdrießlich, wen» jemand über etwas scherzte, was sie nndeinige ihrer Hambnrgischcn Freunde damals übermäßig ernsthaft nahmen.

Es ist ganz natürlich, daß ei» so großer Gelehrter nnd so großer Schrift-steller wie Lessing seinen Werth suhlte, und, so wenig er auch auf Urtheileanderer gab, dennoch endlich darunter litt, wenn seine und anderer vortreff-licher Schriftsteller Verdienste nicht nach Wurden geschätzt, sondern ihnenvielmehr von dem ununtcrrichtclcn Publikum höchst mittelmäßige und elendeSchriftsteller an die Seile gestellt, oder wohl gar vorgezogen wurden. Derverlassene Zustand der deutsche» Literatur fiel nur allzusehr in die Augen,und die Hoffnilng, daß es, (zumal da wir auch damal schon so viele großeMänner hatten,) durch irgend einige Vorfälle damit bald besser werden wurde,war au sich, für ciucn Mann wie Lessing , etwas sehr Natürliches. NurSchade, daß diese Hoffnung nicht erfüllt wnrde!

Lessing hegte damal seit einiger Zeit große Hoffnung, daß durch drcver-Icy die deutsche Literatur sehr sollte gehoben werden:

1) Das sogenannte akademische Theater in Hamburg . Eswar von Hrn. Seiler und Bubbcrs in Hamburg errichtet. Lcssings Drama-turgie machte es berühmt. tLckhoff, den bis jetzt noch kein deutscher Schau-spieler erreicht hat, war an der Spitze desselben. Kein einziger schlechterSchanspiclcr war dabey, aber mehrere vortreffliche. Wer hätte nicht hof-fen solle», daß eine solche Unternehmung in Hamburg gelingen, und auf ganzDeutschland die wichtigste Wirkung haben würde! Gleichwohl ging dieses Un-ternehmen in kurzer Zeit zu Grunde. Lessing , in der Bitterkeit seines Ver-drusses darüber, sagt im letzte» Stücke seiner Dramaturgie:Hamburg mochte wohl der letzte Ort sey», wo der süße Traum, ei» Nationalthcalcrzu gründen, in Ersüllung gehen würde." Er lhnt Hamburg wirklich Un-recht. Nicht das Hamburgischc Publikum, sondern große Fehler in der in.nern Verwaltung der sogenannten akademischen Schaubühne, falsche Maaß-