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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lessing . 1769.

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Unterschied machten/ zwischen dem Zustande, da unsre körperliche Ma-schine sich von der Seele trennt und seiner Auflösung sichtbarlich nä-hert, und dem Zustande der Seele nach dieser Trennung. Ob diealten Maler und Künstler in ihren Werken diese Lehre allezeit vorAugen gehabt, was liegt mir daran? Genug, sie hatten es sollen.Freylich glaubte ich, nach dem Grundsatze der Malerev der Alten, wieDu ihn in Deinem Laokoon festsetzest, daß sie den Tod als ein Ge-rippe nicht malen können. Denn ein Gerippe macht mir immer nochmehr Ekel als eine Furie. Ich entsetze mich, wenn ich denke, in einpaar Jahren nichts mehr als ein solcher Knochenhaufen zu seyn. DerMaler giebt mir auch bey einem Gerippe, als der Vorstellung desTodeS, nicht die geringste Veranlassung, mich meiner Seele zu erin-nern. Nicht wahr, in der Malerev giebst Du den WinkclmannischenGrundsatz von der vollkommenen Schönheit zu; nur willst Du ihnnicht bis auf die Poesie ausgedehnt wissen? Nicht als wenn ich da-durch sagen wollte, Deine Abhandlung wäre überflüssig: denn ichweiß wohl, daß eS noch gar nicht folgt, daß der Künstler auch dasgethan haben muß, was aus den Regeln seiner Kunst sich ergiebt;aber ich wundce mich, daß Du davon nicht ein Wort gedenkest, unddiese Materie gar als Auswuchs Deines Laokoons ansiehst.

Noch ein Wort von Deiner Vorrede. Ich bin überzeugt, daßgelehrte Streitigkeiten nützlicher sind, als Systeme schreiben; und werwürde nicht mit zu Felde gehen, sobald man genug bewaffnet wäre?Ich gestehe aber, Dir in meinem Herzen den Streit mit Klotz ver-dacht zu haben: doch nicht den Streit über solche Materien. NnrKlotz und Ricdcl sollten nicht die Häupter Deiner Gegner seyn. WaSman Bagage, oder höchstens Fcldbäckcrey im Kriege nennt, könnensie ausmachen! Bedenke nur ihr ganzes Betragen. Sie übergehendie Hanptsache, und sind am wcitläustigstcn mit persönlichen Neckc-reycn, und wenn es hoch kommt bey Kleinigkeiten, zum Beyspiel inder Kritik des Laokoon in der philosophische» Bibliothek!

Ferner sagst Du, das Publicum sey von zu großer Delikatesse.Hättest Du lieber geradezu gesagt, von zu einseitiger Wißbegierde!

Wenn Dich dieser Brief in Braunschwcig antrifft, so wünschteich, daß ich bald Nachricht bekäme, ob diese Reise nach DeinemWunsche auSgeschlagen sey. Ich bin

Dein

treuer Bruder,Karl.

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