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Briefe an Lesslng. 1769.
Es ist mir aus mehr als Einer Ursache beynahe lieb/ daß Sienicht eher haben abreisen können, liebster Lessing. Das Wetter waran voriger Mittwoch so schlecht, daß ick Sie recht herzlich bedauerte,und an meiner Sorge für Sie nahm auch noch eben den Abend unsertheuerster E. P. Antheil, da ich ihm sagte, daß Sie vermuthlich jetzoauf der Reise seyn würden. Ich hatte mit ihm ein langes Gesprächvon Ihnen, — Gestern Abend zeigte ich ihm Ihren letzten Brief.Denn die schönen Einkleidungen, die Sie von mir verlangen, verstehtniemand so gut, wie Sie selbst. Ich hielt eS also sür das rathsamste,Sie selbst reden zu lassen. Wenn Sie aber schweigen, so muß unddarf ich mich wohl hören lassen; und dann mache ich es so gut, wieich kann. — Ich hoffe, daß die jetzt einfallende Kälte Ihnen die Wegebahnen soll. Versehen Sie sich ja mit einem guten Pelz und Roquc-laurc. — Welch ein Triumph für mich, daß es Ihnen schwer fallt,sich in so kurzer Zeit von Hamburg loszureisscn! Nicht wahr? nunfühlen Sie es auch, daß wer Hamburg verläßt, eine Stadt verläßt?— Aber diese Stadt hat doch keinen E. P- von Braunschwcig -c. —Mit Ihrem Götzen! Sie zwingen mich doch, den Mann noch einmalzu nennen. Der gottlose König Pharao kömmt mir in seiner Gesell-schaft als ein wahrer Heiliger vor. — Doch da Sie sie zusammensetzen,so scheinen Sie mir dadurch die Hoffnung zu geben, daß Sie vonbeyden zugleich auf ewig Abschied nehmen wollen. — Nun noch einmalglückliche Reise, liebster Freund, und zu einem dauerhaften Glücke!wenn anders Ihre eigne Unbeständigkeit ein solches Glück nicht fürzu langweilig hält, und cS ertragen kann. Gott begleite Sie bis indie Arme Ihrer Freunde und bis in die meinigen.
den 12. Novcmb. 1769.
Halberstadt , d. ?5. Sept. 1769.
Ungeduldig, mein liebster Freund, sah Ich dem Brief entgegen,den Sie vor Jahr und Tag mir versprochen haben. Im Frühjahr,sagten Sie mir, reis' ich nach Rom . Alle Nachrichten sagten, Siewären nicht mehr in Hamburg. Selbst Ihr Herr Bruder in Berlin wußte mir etwas Gewisses nicht zu sagen. Kurz, ich fragte bey HerrnBooe nach Ihnen, und höre, daß Sie noch in Hamburg sind. Alsosend' ich dahin Ihnen die Kleinigkeiten meiner Muse, die ich miteinem prächtigen Titel beschenkte. Keinem meiner Freunde, meinen