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Hier folgt ein Verzeichniß von Deinen Büchern. Voß hat dieJournale nicht zu sich genommen, und ich werde Dir sie alle schicken,so bald das Wasser aufgeht. Oder verlangst Du sie auf der Achse da-hin, so darfst Du mir es nur melden. In Berlin haben sie fast kei-nen Werth.
Liebster Bruder, Du bist auch so gut gewesen, mir Hoffnung zumachen. Wie gern will ich kommen, wenn ich Dir nicht zur Lastbin! Ich sollte nun wohl anfangen, mir selbst fortzuhelfen, und nichtso unthätig scheinen, als ich vielleicht scheine. Ich sehe wohl, ichhabe mir gewisse Kräfte zugetrauet, die ich nicht habe, und bin aufDinge ausgegangen, die man mit aller seiner Mühe nie erreicht, undwodurch man sich einen schlimmern Stand macht, als man ohne solcheEinbildung schwerlich gehabt hätte.
Unser Bruder hat seine Iiislia 5oromiae MoseS und mir geschickt.Die orientalische DichtungSart hat er wohl in seiner poetischen Ucber-setzung nicht treffen wollen, und doch besinne ich mich, daß er denLowth fleißig las, als ich zu Hause mit ihm war. Doch wenn er dasgethan hatte, so würde er vermuthlich mit den Theologen Händel be-kommen haben; und diesen auszuweichen, ist für einen sächsischen Schul-mann immer gut: denn cS möchte ihm nicht so glücken wie MoseS, derseine Bckchrcr alle zu Juden macht. Ich wette, die feinsten wünschenjeht, Lavater hätte nicht herausgefordert, und MoseS spielte lieber dieRolle eines Voltaire, dem man auf seine gegründeten und ungcgründe-ten Spbtterevcn antworten kann: „Diesem Manne ist nichts heilig."Mir dieser stolzen und wahren Sprache sind Heilige und Unheilige zu-frieden. Doch Lavater bereuet es, wie ich aus einem Briefe an Mo-seS ersehen habe. ES ist viel, wenn nicht zehn andere Lavater aufstehn!
Ramlcr läßt eine Ode drucken; und der König hat eine Rede vonder Selbstliebe, als dem Grundsatz aller moralischen Handlungen,drucken lassen. Ganz HclvetiuS ist er nicht; denn er hat zu viel Ein-sicht, als daß er glauben könnte, man ließe sich aus Selbstliebe fürih» todtschießen. Er erwähnt daher einer angcborncn Ehelicbe, undeiner Neigung, sich für eines Andern Interesse aufzuopfern, als Be-standtheile der Selbstliebe. Daß man auS seinen dunkeln, aber vielleichtrichtigen Begriffen gleich einen unumstößlichen ersten Moralgrundsatzmachen will! Wäre er von Natur in jedes Menschen Herzen nichteher, als bis er von den Philosophen mit Worten völlig und adäquatbestimmt werden könnte, so wäre eS ein Unglück Zuletzt giebt er nocheinige Vorschläge zu Predigten, die unter den Protestanten nichts Neuesfind, aber wohl in Paris cS sey» können. Ucbcrhaupt scheint er mehr
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