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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lessing . 1770.

Sulzer fragte mich, ob ich wünschte dazu vorgeschlagen zu sevtt.Schade, daß ich schon zu etwas andern, vorgeschlagen war! Aber viel-leicht auch gut.

MoscS Mendelssohn hat den Streit mit Lavatcrn geendigt, undbeschäftigt sich jetzt mit einer Übersetzung der Psalmen. Ich bekommedurch sie von dem Sänger David und der ganz?» hebräischen Poesieeinen ganz andern Begriff/ als ich mir aus der Lutherischen, oderder Cramccischen versificirten Umschreibung machen konnte. Was wirdman zu seinen Erklärungen der Psalmen sagen, welche wir Christenbisher für eine Weissagung auf Jesum gehalten? In unsern Himmelkönnen wir ihn unmöglich aufnehmen, so gern ich auch bey ihm bin.Ich für mein Theil will ihn noch auf dieser Erde recht nutzen, undseiner Freundschaft keine Schande zu machen suchen. Wie ich vonandern Juden höre, macht er sich auch nicht viel daraus, denn Gott giebt nach diesem Leben jedem geringsten Juden neunhundert Welten,keine kleiner, als die wir bewohnen. Und wir rechtgläubigen Christenhocken da in einem einzigen Himmel auf einander wie die Kaninchen.Seine vhilosophischcn Schriften, die Voß wieder auflegt, wird er mitder Abhandlung von der Evidenz, aber verbessert, nebst einem Traktatvon der lvrischen Poesie der Hebräer vermehren.

Schreibst Du mir nicht bald, so bekömmst Du wieder einen lan-gen langen Brief von mir. Vielleicht ist das ein Mittel, Dich zumAntworten zu bringen. Dein

treuer Bruder,Karl.

Braunschwcig, d. 20. May 1770.

Beynahe hätte ich die Bibliothek vergessen, und dieses gewiß nichtaus Undankbarkeit, sondern weil ich in den Gedanken gerathen war,alles waS in der WaisenhauSbuchhandlung gedruckt würde, müßte auchein Exemplar dorthin liefern. Mord-Schade um mein Buch, daßSie, liebster Lessing , nicht eine Hand mit in meinem entdeckten Adel-mann gehabt haben! Ich ärgere mich nicht wenig darüber, daß ichden Brescianer, den Sie mir zugeschickt haben, nicht eher entdeckenkönnen. Doch wir wollen hoffen, daß Sie ferner glücklich sind. LassenSie mir den Jtaliäner noch ein paar Wochen. Ich hoffe nebst Za«chariä bald selbst zu Ihnen zu kommen. Dann soll recht viel, wasich schon vorcälhig habe, abgeschwatzt werden. Leben Sie wohl.

Der Ihrige.Schmid.