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Briefe an Lcsstng. 1770,
schicke ich Ihnen noch nicht zurück, ich habe noch die Zeit nicht gehabtes mit kritischen Augen durchznlcsen. Es scheint mir, als wenn derVers, zuweilen unbillig wäre. Er ist eben so sehr wider gewisse Cha-raktere riugencmmcn, als andre für dieselben eingenommen sind. Erleitet alles aus bösen, grausamen, menschenfeindlichen Absichten her,da doch der Anführer einer Räuberbande selbst gute Absichten wenig-stens mit den bösen verbinden mnß. Wenn alles menschlich zugegan-gen seyn soll, so müssen wir auch den Menschen nehmen, wie er injenen Feiten, nach den damals so sehr eingeschränkten Einsichten vonVölkerrecht, allgemeiner Gerechtigkeit und Liebe zu dem menschlichenGeschlechte hat seyn können. In diesem Gesichtspunkte werden unsdie Dinge ganz anders erscheinen, als sie Ihr Ungenannter vorstellt.Wir sollten uns der Neigung nicht überlasse», gewisse Dinge zu sehrherunter zu setzen, weil sie andre zn sehr erhoben haben; denn dadurchbringen wir nur die Schalen in ein beständiges Schwanken, und nie-mahls ins Gleichgewicht. In Holland streiten sie jetzt so über den
können, es nach seinem Tode drucken zu lassen, ob Ich gleich von meinemBruder nie gehört, daß er auf so eine Profauität nach seinem Tode ausge-hen wollen. Nur so viel weiß ich, daß er 1771, als er in Berlin war,dieses Manuskript daselbst drucken lasse» wollte. ES fand sich auch ein Ver-leger dazu, unter der Bedingung, daß es die Censur passirc. Die theolo-gische Censur wollte den Druck zwar weder verhindern/ noch unterdrücken,aber doch nicht ihr vi<li darunter setzen/ welches man einem christlichen Theo-logen auch nicht so übel nehmen tan». Der Verleger hielt sich aber dadurchgegen alle Verdrießlichkeit nicht genug gedeckt, und so nahm es mein Bruderwieder nach Wolsenbüticl, und schicklc daraus die bösen Fragmcnlc in dieWelt. Bey dem Streite mit dem Pastor Gözc in Hamburg erhielt er vondem Braunschwcigischcn Minister!» den Bcscbl, davon nichls mehr heraus-zugeben; auch »mßlc er demselben das ganze Manuscript ausliefern. Derfromme Eifer des geheimen Nalhs von Praun hatte beschlossen, es nie wie-der an das Tageslicht zu bringen, und schlug es mir daher rund ab, als iches als ein Stück von dem Nachlasse meines Bruders zurücksodcrte. Ichlounie mir es leicht gefallen lassen, da ich unter meines Bruders Papiereneine andre getreue Abschrift davon fand, der aber doch »och etliche Böge»fehlte». Zch hatte also, was ich nicht habe» sollte, und es wäre »och nichtgedruckt, wenn es außer mir nicht noch andre gehabt hätten. Nun ist cSohne alle Umstände gedruckt worden, und der Verleger möchte nur ei» Paarhundert Exemplare nach Frankreich oder Spanien zum Verbrenne» schicken.Den» liest man gleich da keine dculschm Bücher, so tau» ma» sie ja dochleicht verbrennen, und damit den Absatz in Deutschland befördern. RarlG- Lessing.