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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lessing . 1771.

lieber die Frage selbst. Hatte ich nicht Recht? Doch ich stehe nichtdafür/ daß ich nicht noch einmahl irre gemacht werde; und daß ichalsdenn weder Verlachen noch sonst was scheue/ und mich an Sie wende.

Ihr Brief, den ich diesen Augenblick erhalte, berechtigt mich umso mehr dazu. Sie erlauben mir, Sie untec meine aufrichtigsten Freundezu zahlen, was ich ohnehin schon gethan habe, und was ich stets thunwerde; Sie müßten denn aufhören, Lessing, und ich ich selbst zuseyn; und das verhüte der Himmel! So wie er geben möge, daß wirdie fünf Quaternen, und was denen anhängt weil Sie es nichtwieder thun wollen gewinnen mögen, damit Sie mir in Mann-heim entgegen kommen. Ich war zwar nicht Willens, nach Mannheim zu gehen, aber alsdenn gehe ich dahin. Warum mir eben jctzo dasSprichwort polrit äe Iionlieur pour lies Iioiinoles gous einfällt,weiß ich nicht; eS mag aber wohl wahr werden; besonders weil sichV- mit ins Spiel gemischt hat. Keinen bessern Theilnchmer hattensie bey dem Lotto wählen können. Denn nun sehe ich Zehen gegenEins, daß niemahls ein großer Gewinn heraus kömmt. Wenn eswahr ist, was S. schreibt, daß er bey allen Mädchen das Herrcnrcchtverwalten muß; so wünsche ich, das ehestens meine alte Köchinn her-ausgezogen werde. Sie hat auch eine Nummer. Eine zu große Straftmöchte cS zwar für ihn nicht seyn; denn er ist gewohnt, mit schmuzi^gen Karten zu spielen.

Wann wir wieder unser Geld kriegen denn mehr erwarte ichnicht so lassen Sie ja Nummer 10. dabey. Zu dieser habe ich einvorzügliches Zutrauen.

Heute ist ein solches Gerassel von Wagen, und die Straßen sovoller Menschen, daß einer dem andern kaum ausweichen kann. Dereinzige Gallatag im ganzen Jahr ist der NeujahrStag, wo alle Fremdesich versammeln, um ihre Pracht sehen zu lassen. Man hat mir einesolche Beschreibung davon gemacht, daß meine Ncugicrdc hätte gereiztwerden müssen, wenn mir nicht die ganze Welt so gleichgültig wäre,wie sie mir wirklich ist. Die Güte meiner Freunde ging so weit, daßsie mir Kleider und Juwelen ins HauS geschickt weil eS sich nichtschickt, diesen Tag in Trauer zu erscheinen, und ich keine färbige Klei-der bey mir habe. Allein ich habe mich nicht entschließen können,einen Schritt aus dem Hause zu thu». Eine solche wunderlicheFrau bin ich nun: ich will cS Ihnen nur vorher sagen, damit Siesich nicht wundern, wenn Sie mich und »leinen Humor so sehr ver-ändert finden. Noch weiß ich nicht, wenn ich von hier gehe. Sowenig ich Lust habe, hier zu bleiben, eben so wenig Lust habe ich zum