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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lcssiiig. 1771.

Leipzig / d. 2. Januar 1771.

Nie habe ich in meinem Leben einen schönern, einen angenehmernheiligen Christ bekommen, als der Ihrige ist. Er bescherte ganz un-vernnithct und zu rechter Zeit, just am heiligen Abend. Wirklich IhreDiensifertigkeit geht weit, und überschreitet die Grenzen meiner Er-wartung. Seyn Sie versichert, daß ich dieselbe behutsam und mitBescheidenheit gebrauchen werde. Der Codex soll, vom Neuen Jahrean zu rechnen, binnen 6 Wochen Ihnen zu Handen kommen. Denndie Feycrtage können doch wohl abgerechnet werden, da ich ihn nichthabe brauchen können. Einige Proben der Collation haben mich be-lehrt, daß er ein treflicher Codex von ausnehmender Güte sey. Vonallen Manuscriptcn vom AeschincS, die Taylor gebraucht hat, thutkeiner es ihm an Richtigkeit des Textes zuvor, und an Vollständigkeitkommt ihm keiner gleich. Allemal wird es Deutschland , und Helm-städt insonderheit, zur Ehre gereichen, einen solchen Codiecm zu be-sitzen, der in Ansehung des Werthes dem bekannten AugsburgischenDemostheneS auf Pergament an die Seite gesetzt werden kann. Ichwerde mit mchrern in der Vorrede von diesem Codicc sprechen. Aberwie bringe ich es herum, daß es niemand erfährt, daß ich den Codicemselbst bey mir gehabt habe. Oder darf ich eben kein Geheimniß darausmachen? Am besten wäre dieses letztere freylich wohl, und befrcytemich von manchem Zwange. Wer ist denn der Herr Vluhme, der denCodicem der Bibliothek geschenkt hat? Aber wie steht es denn mit IhremDemuMieno Luvlplioi^t-uio? Haben Sie denselben ans England wieder zurück? Taylor macht viel Wesens aus ihm. Aus dessen Be-schreibung schließe ich, daß er den Codicem selbst in Händen gehabthaben müsse. Nur kömmt mir bedenklich vor, daß just bey der Stelleseiner ^«Ivc-rlariorum, wo er von diesem Wolfenbüttelschen Codicespricht, ein großes Stück Papier mit Fleiß herausgeschnitten ist. DieCollation von diesem Codice über die 1>I>iIij>ziie!>8 finde ich in TaylorsPapieren nicht. Und doch hat Herr Rector Hcusingcr, auf geschehn«Anfrage, mich versichert, daß zu Wolfcnbüttel kein Manuscript vomDemostheneS vorhanden sey. Diese beyden Umstände zusammengenom-men, bringen mich auf einen Argwohn, auf dessen Grund zu gehenvielleicht sich noch wohl der Mühe verlohnen dürfte. UcbrigenS dankeich zum schönsten sür die Ehre des Standplatzes, den Sie, mein hoch-geachtestcr Herr, meinen geringen Arbeiten erweisen wollen. Auf künf-tigen Sommer, wills Gott, habe ich mir vorgenommen, eine kurzeLustreise nach Wolfcnbüttel zu thun, und von den dortigen arabischen