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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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283
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Briefe an Lessing . 1771.

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Buncle werden wird, aber in Absicht auf die hcterodoren Sätze auchnichts besser. Wenigstens soll ein orthodoxes sächsisches Pricsterkind,wie Sie, noch wohl Aergerniß daran nehmen.

Die allgemeine deutsche Bibliothek kommt, wie die göttlichenStrafen, langsam, aber desto schärfer. Sie erhalten noch zu Osterneinen Anhang zu den ersten zwölf Bänden, der zwey Bände, oder 86Bogen stark ist, auS der kleinsten Schrift gedruckt, und dazu nochdes XIVten Bandes erstes und zweytes Stück. Ist das nicht genug?

Wollte Gott , ich dürfte an die deutsche Bibl. gar nicht mehrdenken! Ich bin von neuerer Litteratur so voll, daß ich, wie jeder, derden Magen zu voll hat, nicht verdauen kann. Ich habe oft schonaushören wollen; wissen Sie, was mich zurück hält? Die theologischenArtikel. Sie haben eine so merkwürdige Revolution in deutschen Köpfenverursacht, daß man sie nicht muß sinken lassen. Sie haben vielenLeuten Zweifel erregt, und dadurch die Untersuchung rege gemacht.Gut! werden Sie sagen; ich will der Zweifel noch mehr machen, wennich die Orthodoxie gegen die neuern Hcterodoren vertheidige; diesewerden sich alsdann verantworten und deutlicher erklären müssen. Nein,liebster Freund! Sie werden stille schweigen, und sich hinter das Schildder Orthodoxie verbergen. Der denkenden Leute sind so wenige, siehaben in den meisten Ländern so viel zu riskircn, und sind daher sofurchtsam; die Orthodoxen sind durch Gesetze und Besitz so mächtiggeschützt, daß, wenn sie den geringsten Beystand bekommen, sich diedenkenden Leute gar nicht merken lassen werden, daß sie freyer denken,als andere. Wer unsern neuern Theologen nicht von der Seite derOrthodoxie, sondern von der Seite der natürlichen Theologie, ihreJnconsequcnz zeigen könnte: das wäre eine schöne Sache! Ich habecS in meinem Romane beyläufig thu» wollen; aber die Feder fälltmir aus den Händen, wenn ich bedenke, wie wenig das Publicum inDeutschland noch vorbereitet ist, gewisse Wahrheiten ganz nackend zusehen. Kann man sie aber nackend nicht zeigen; so wollen wir cS jedemüberlassen, wie er, den Umständen oder seinen Vorurtheilcn nach,incynt, sie bekleiden zu können. Genug, wenn die holden Augen derWahrheit, die uns beglücken, nur nicht verhüllet sind.

Ich glaube sehr wohl, daß unter allen Ihren Büchern der Be-rengarius dasjenige ist, bey dessen Nicderschreibung Sie das meisteVergnügen empfunden haben. Er ist nichts als Empfängnis;, undgar keine Geburt. DaS ist wollüstig! Aber dafür auch bekommen wirAndern, die wir ein Kind erwarten, das reden und laufe» soll, nichtsals ein Mondkalb, das von einem AnatomicuS von Profession anato-