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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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285
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Briefe an Lessing , 4771.

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die angenehmste Gesellschaft/ um die ich gerne den stolzen Gedanke»hätte fahren lassen, als ob die Art, durch das Lotto reich zu werden,meiner nicht würdig wäre. Es stehet mir so nicht an, daß Sie diesenAuSspruch gethan haben. Denn ich denke, ehestens eine Quaterne zugewinnen; und ich sage Ihnen zum Voraus, daß ich sie annehme,so gern ich auch in einer Reihe mit Ihnen bliebe.

Die Klopstockischen Schrittschuhc- und Lesegesellschaften habenmich herzlich zu lachen gemacht. Meine Imagination stellte mirgleich den ganzen Kreis von Damen vor, und ihn mitten darinnenvoller Entzückung, indem er bey einer rührenden Stelle die Thränenvon den Wangen seiner Zuhörcrinnen herunter rollen sah. Was ichaber befürchtete, war, daß er Einigen nach Hause folgen, und daEntdeckungen machen möchte, die seine Zufriedenheit stöhrcn könnten.Was sagen Sie dazu, hatte ich Recht? Und habe ich Recht, wennich Sie bitte, sich um kein Patent für mich zu bemühen? ES würdeSie viel kosten; denn Klopstock nimmt gewiß lauter hübsche Frauenauf und am Ende möchte ich doch nur eine schlechte Rolle unterihnen spielen.

So weit aus München , woher Sie diesen Brief hätten erhaltensollen, wenn ich nicht durch unvermuthcte Geschäfte wäre verhindertworden. Ich bin herzlich froh, daß ich ans Bayern bin. Dieses sonstso gesegnete Land zeiget einem nun nichts als Jammer und Noth.Auf einer Station von München auf hier schlössen gewiß achtzig Bett-ler einen Kreis »m mich, in dem ich vielleicht noch stünde, wenn derPostillion nicht die Peitsche gczeigct hätte. Dies war auf einem elen-den Dorfe, Sie können denken, wie cS in Städten ist. In München laufen einem ganze Familien nach, und schreyen, man möchte siedoch nicht verhungern lassen.

Ich hatte mir vorgenommen, Ihnen recht Vieles zu schreiben;allein ich muß abbrechen, wenn ich den Brief von hier schicken will.Ich halte mich aller Orten nur kurz auf, und habe überall so vielePersonen zu besuchen, daß ich Abends so müde wie ein Holzhackcrbin. Bedauern Sie mich aber nicht: diese Bewegung erhält michnoch. Vermuthlich schreibe ich Ihnen von Heidelberg . Indeßdanke ich Ihnen für den Antheil, den Sie an meiner Gesundheitnehmen, die, wie ich hoffe, täglich besser werden soll. Nicht weni-ger schmeichle ich mir, mit Ihrer Ucbcrrednng, als ob ich glücklichwäre, zu Stande zu kommen. Doch muß ich zu meiner Schande be-kennen, daß ich noch ziemlich weit davon entfernet bin. Es freuetmich, daß Sie cS so weit gebracht haben. Noch lieber wäre es mir,