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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lefstng. 1771.

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Sie rege» sich aber doch; und das ist zum Anfang einer Sache schonVerdienst.

Letzthin mußte Koch sein Theater den Franzose» auf einen Tageinräumen/ weil der Berlinische Hof eine Schauspielerin aus Wien ,und eine Tänzerin aus Petersburg, die sich vor dem Könige in Pots-dam gezeigt hatten, gern sehen wollte. Man spielte VoltaircnS Alzireund Nanine. Madame Verteuil (so heißt die Aktrice aus Wien ) machtedie Alzire. Mir schien ihr Anstand nicht edel genug; zwar schien sieziemlich richtig zu sprechen, aber, anstatt mit Ausdruck und Empfin-dung, nur mit Grimasse. In der Nanine gefiel sie srcylich besser, siespielte darin die Baronin, deren stolzes Wesen mit einem gewissenAir sie vortrefflich machte. Von den andern Schauspielern verlohntsichS der Mühe nicht zu reden. Die besten sind alle weg, und sogarFicrville hat seinen Abschied bekommen, weil er vor dem Könige lctzt^-hin in Potsdam gar zu possierlich tyrannisch den Rhadamist gemachthaben soll. In der Nanine spielte er den Liebhaber, und der Mono-log, worin er bemerkt, daß er durch die Hcirath mit einem gemeinenMädchen lächerlich werden würde, gcrieth ihm sehr gut.

Ddbbelin soll nach Braunschwcig gegangen sey»; von da will ernach Leipzig und dann nach Dresden gehen, um seine Raritäten zuzeigen. Wenn cS wahr ist, daß der alte Stenzcl zu ihm gegangen,so hat er seine Truppe in allem Betracht bereichert.

Dein

treuster Bruder,Karl.

Hamburg , den 10. Aug. 1771.

Mein lieber Freund!

Wenn meine besten Wünsche nicht vergebens gewesen sind, so trifftSie dieser Brief so gesund, als Sie ehedem waren, wie Sie über zuviel Gesundheit klagten. Noch lieber wäre mir, er träfe Sie gar nicht,und Sie wären schon untenvcgcs auf hier. Machen Sie, daß Siebald kommen, sonst kommt eine ganze Ladung Frauenzimmer, umSie abzuholen. Ich denke, dies ist die härteste Drohung, die ichIhnen machen kann. Denn eben lege ich Ihre Sinngedichte aus denHänden, und bin in meiner längst gehegten Meinung Sie seyenein Erzweiberfcind, nun völlig bestärket. Ist es aber nicht rechtgottlos, daß Sie uns bey allen Gelegenhcitcn so herunter machen!Sie müssen an verzweifelt böse Weiber gerathen seyn. Ist dieses, so