Briefe an Lessina.. 1771.
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Mein liebster Freund!
Sie können nicht anders, als glücklich gerciset seyn, denn meinebesten, meine eifrigsten Wünsche haben Sie begleitet, obgleich Sie esnicht verdient hätten. Unmöglich können Sie mich so sehr lieben, oderSie hatten mich nicht zu einer Zeit verlassen können, da mir eine sohöchst traurige Nachricht bevorstand, und es von Ihrer Willkühr ab-hing, die Reise noch einige Tage aufzuschieben.
Leider! ist diese traurige Nachricht eingetroffen. Meine Mutter isttodt, und mein Schmerz über diesen Verlust ist unbeschreiblich groß.
Mehr kann ich Ihnen heute nicht sagen; vielleicht schreibe ichIhnen aber noch einmal. — Lassen Sie die vielen Zerstreuungen michnicht aus Ihrem Gedächtniß verjagen; denn keine aufrichtigere undtreuere Freundinn finden Sie in der ganzen Welt nicht, als
Dero
E. C. König-
Halberstadt, d. 22. Sept. 1771.
AlcxiS und Elise sollen meinen Lessing in seinem Tempel derMusen aufsuchen; und wenn sie ihm nur ein kleines Lächeln abgewin-nen, dann sollen sie so vollkommen zufrieden seyn, als ich, liebsterFreund, in meinem Aktenstaube bin.
Gleim.
Liebster Freund!
Sagten Sie nicht: ich sollte eS nicht so genau nehmen, und Ih-nen doch schreiben, wenn Sie mir gleich nicht schrieben? Sie sehen,daß ich es thue. Dafür erwarte ich ein andermal gleiche Gefälligkeit.Daß ich heute schreibe, müssen Sie mir besonders hoch anrechnen;denn ich bin so melancholisch, als ich in meinem Leben nie gewesen,und noch dazu krank. Kommen Sie ja gewiß und bald wieder, sonstfinden Sie mich nicht mehr.
Seit Sie weg sind, habe ich nicht einen Schritt vor die Thüregesetzt; und mich noch dazu mit lauter verdrießlichen Dingen beschäftiget.
Ich wünsche, daß Sie um so vergnügter gewesen seyn mögen.Dieses zu hören, kann allein mich aufmuntern. Sie haben mir dochwohl geschrieben? Ich darf daran nicht zweifeln, wenn ich mich nicht