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Hamburg , am Montag den 28. oder 29. Oct. 1771.Bester, liebster Freund!
Ich bin Jhrentwegcn in der größten Unruhe. Warum haben Siedoch unsern Bitten nicht Gehör gegeben, und sind wenigstens nur bisMiltcwoch noch hier geblieben? So hätten Sie vermuthlich den ab-scheulichen Sturm, in dem Sie vorige Nacht die Elbe vassiren muß-ten, nicht auszuhalten gehabt. Ich mache mir tausend Vorwürfe, daßich mit Ursache bin, daß Sie diese Route genommen. Keine Vorstel-lung kann mit eine ruhige Viertelstunde Schlaf verschaffen. Ich hoffeaber, alle meine Sorgen sollen vergebens seyn, und Sie werden mor-gen Abend glücklich und vergnügt in dem lieben Braunschweig ein-treffen. Dann so könnte ich den Donnerstag schon einen Brief vonIhnen haben, wenn Sie mir gleich geschrieben hätten. Dies habenSie doch wohl gewiß gethan? O ja, Sie haben eS gethan. Sie wis-sen ja, daß meine ganze Ruhe davon abhangt. — Nicht wahr? Siesind überzeugt, ob Sie gleich zuweilen daran zu zweifeln scheinen, daßich Sie über alles liebe, über alles hochschätze, und kein Glück mehrfür mich in der Welt ist, wenn ich es nicht mit Ihnen theilen soll.Möchten doch alle die Hindernisse, die uns trennen, gehoben werdenkönnen, wie wollte ich der Vorsehung mit freudigem Herren danken!
Ich hoffte, der Salzburgcr Brief sollte hierzu den Weg bahnen.Allein statt daß man darauf denken sollte, mir das Wiener Werk ab-zukaufen, räth man mir, es noch eine Weile anzusehen, indem, wanncS bey dem Mandat bliebe, daß keine Fremden mehr in den K- K-Landen handeln dürften, der Abzug bev meiner Fabrike natürlicherWeise sehr zunehmen müßte. Der Mann hat Recht. Wenn ich ihmnur folgen könnte, ohne zu risquiren, und das Wenige, was mirübrig ist, noch zuzusetzen! Am Ende verfehle ich mit aller meiner Sorgeund Müh doch meinen Endzweck. Bin ich nicht in einer fatalen Lage?Und noch dazu von allen Freunden entfernet, die mir mit Einsicht ra-then könnten!
Mein S°° scheinet eS näher zu geben. Er fing heute von selbstan, mir zu sagen, daß aus der B...schcn Entreprise wohl nichtswerden möchte. Wir wurden unterbrochen, sonst hätte er sich vielleichtdeutlicher erklärt.
Herr Sch. ist den Abend Ihrer Abreise so übel an Krämpfcn ge-wesen, daß er zu sterben glaubte. Gottlob! heute ist er wieder wohl.
Unter denen vier Leuten, so vom Lotto arretirt worden, ist einFranzoS, dessen Sie sich erinnern werden. Er stand hinter uns, als