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Berlin , den 19. November 1771.
Liebster Bruder/
Ich habe Deine Gesinnung sogleich Sulzern gesagt, und er ver-sicherte mich nochmals, weder von dem Theater-Unternehmer in Wien ,noch von einem andern Particulier an Dich einen Auftrag zu haben,sondern von einem Minister im Namen des kayserlichcn HofeS. Ichvermuthe, daß es der hiesige Ocstreichische Gesandte ist, obgleich Sul-zcr das nicht merken ließ. Wie er mir sagte, so wüßte er selbst dieübrigen Bedingungen noch nicht; man würde sich aber nach DeinemVerlangen wohl bequemen, und Du würdest wohl thun, wenn Dudeshalb gegen mich Forderungen machtest. Er redete von löo» Thalern,wobey ich ihm aber gleich zu erwägen gab, daß Wien ein Ort sey,wo Du Dich mit dieser Summe nicht eben viel verbessertest. Er ver-sprach mir in acht Tagen aufs längste positive Antwort, und ich denke,cS wird zu Deinem Vortheil ausschlagcn, da man nicht den geringstenLärm davon macht, und Sulzer selbst mich nochmals gebeten hat, esniemanden zu sagen, weil man es ihm übel auslegen könnte, eine ganzunschuldige Veranlassung gewesen zu seyn, daß Du von Wolfenbüttel gingest. Aber ich glaube, wenn man es wirklich mit Dir dort gutmeynt, so wird man Dir Deine Verbesserung nicht verdenken.
Voß schreibt Dir vermuthlich selbst. Wegen des ManuscriptS ,das Du zum zweyten Theile Deiner Schriften geschickt, habe ich mitRamlcr gesprochen. — Auf Deine neue Tragödie freue ich mich außer-ordentlich. Wirst Du Veränderungen in Deiner Sara machen?
Lebe wohl, liebster Bruder!
Dein
treuer Bruder,Karl.
Liebster Freund!
Ich habe Ihnen sehr Unrecht gethan! — Sie erinnern sich dochwohl, daß ich immer sagte, außer Wolfenbüttel dächten Sie schwer-lich an mich — Nun denken Sie nicht allein an mich, sondern ge-ben mir auch den größten Beweis Ihrer Freundschaft, durch das Ver-trauen, so Sie in mich setzen; indem Sie mir so geschwinde eineNachricht mittheilen, die, wie Sie voraus sehe» konnten, mir überausangenehm seyn mußte.