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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
Seite
326
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Briefe an Lessnig. 1771.

Allerdings wollte ich Ihnen rathen, eine Stelle in Wien anzu-nehmen/ sobald sie so wäre, daß Sie sie mit Vergnügen begleiteten,und wäre sie auch beym Theater, Sie dürften sich ja nur auSbedin-gcn, unmittelbar vom Hofe abzuhängen. Sie würden dort mit un-gleich mehrerm Agrement leben, als in Wolfenbüttel , wo Sie außerder Bibliothek nichts verlassen würden, waö Sie attaschiret; und diesewürde Ihnen auch wieder ersetzet. Alsdann würden Sie finden, wieallgemein Sie dorten beliebt seyn würden; denn bey persönlicher Be-kanntschaft leiden Sie keine Gefahr. Und. man ist jetzt schon so sehrfür Sie eingenommen, was wird man dann nicht seyn! Wenn es dieVorsehung so lenkte, daß ich mein Wiener Geschäft beybehalten könnte!

---Doch ich will nichts wünschen; cS wird ohne mein Wünschen

alles so kommen, wie cS kommen soll.

Ueberhaupt will ich Sie heute mit etwas anders, als von mir undmeinen Umständen unterhalten, und wann Sie wollen, so will ickganz aufhören, Ihnen Dinge mitzutheilen, die Sie beunruhigen.

Die außer mir nehme ich aus, sonst würde ich Ihnen nicht er-zählen, daß Madam Z. dem Tode nahe ist. Im Ernste: Sie ist sehrkrank an einem Brustficber, und ihr Bruder glaubt, daß eine Zch-rung daraus entstehen könne. Was würde aus dem armen Z. werden!Sie müßten wahrhaftig herüber kommen, und ihn trösten. Den Ort,wo er am ersten zu trösten wäre, hätte ich, wie ich glaube, schon aus-gefunden. Und diesen Ort haben Sie doch bey Ihrem Hierseyn zuwenig besucht. Dieß könnten Sie bey dieser Gelegenheit wieder gutmachen. Man sagt so, Sie machten sich hierüber Vorwürfe, und hät-ten blos deswegen mit Bst- wollen auf hier reisen. Ist es wahr, sowünschte ich, daß Ihr Gewissen Ihnen ein Bischen mehr zugesetzethätte. Diese und folgende Neuigkeiten habe ich heute von Madam Sch.

Basedow ist verreiset, das wisscn Sie; aber er soll sich vor derAbreise bey Göyen zum acktcnmal haben melden lassen, endlich habeer ihn angenommen, nachdem er ihn eine halbe Stunde vor der Thürehätte halten lassen. Wie ihre Unterredung ausgefallen; ob sie Her-zensfreunde geworden, oder Erzfeinde geblieben sind, weiß man noch nicht.

Was mich gewundert hat, und Sie gewiß auch sehr wundernwird, ist das, daß Albcrli und Kl. wieder ausgesöhnet seyn sollen.Alberti hat, wie man erzählet, an Kl. Abbitte gethan, nnd unter an-dern soll er sich bey Madam von W. damit entschuldiget haben: daßer das Nachtheiligc, so er von ihr gesagt, gegen niemand als ihreFreunde gesagt habe. Eine seltsame Rechtfertigung! die mich eher mehrerbittert, als besänftiget hätte. Ich glaube es auch nicht, und zweifle