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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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335
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Briefe an Lessing . 1771.

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Hamburg , den 19. Dec, 177t.

Mein bester Freund!

Ich sehe, Sie kennen mich besser als Einer. Sie haben Recht,ich verfalle leicht in den Fehler, vor dem Sie mich warnen. Indemich ihn begehe, fällt mir oft ein, neun und neunzig würden in demFall anders handeln; doch hält es mich nicht ab. Sie müssen aberwissen, daß ich so handeln muß, wenn ich glücklich sevn will. Dochglaube ich auch, daß ich bey dem Schritte, den ich gethan, nicht alleindie Rechtschaffenheit, sondern auch die Klugheit zu Rathe gezogen habe.WaS hätte es mir gcnutzet, wenn ich alles erschöpft hätte, um diePaar Hiesigen zu befriedigen, welches nicht ohne Hintansetzung mei-nes Vortheils hätte geschehen können, und nun in der Verwirrungnach Wien gegangen wäre? Zu nichts! Im Gegentheil hätte ich mirden Haß meiner Verwandten mit Recht aufgebürdet, wenn die dorti-gen Anstalten nicht so einschlügen, wie sie zwar nun das Ansehen ha-ben. Sie haben mich zu treulich unterstützet, als daß ich undankbargegen sie seyn könnte; und würden mich noch jctzo untcrsiützcn, wennich es ernstlich begehrte. Mein ältester Bruder hat, so wie ich ihmschrieb, daß ich sür dieses Jahr um einige tausend Mk- zu kurz käme,mir sie Übermacht; ich habe sie aber zu seiner Disposition gelassen.Dieser Bruder, den ich nie so sehr geliebt habe, als die beyden an-dern, wird mir nun der schätzbarste. Sie glauben nicht, was er allesfür mich thut! Er nimmt nun auch Tbeodorn auf einige Jahre zusich, weil mir die Pension zu kostbar, und er mir noch zu jung ist,um ihn unter ganz Fremde zu thun. Der Professor lobt ihn außer-ordentlich, daß er ein ganz Hingewandter und fleißiger Bursche ge-worden wäre.

Ob ich mit der Z. tauschen wollte? Nein, und wären auch meineAussichten noch trauriger! Allein sie würde gewiß auch nicht mit mirtauschen. Wie ich höre, erträgt sie den Verlust mit vieler Gelassen-heit. So wie ihr Kind todt war, sprach sie von nichts als stan-deSmäßtger Beerdigung, verordnete alle den Putz, und ließ ihn vorihr Bett bringen. Ich begreift es nicht. Ihr Bruder nennet es Phi-losophie. Wenn dies Philosophie ist, so wünschte ich mir wohl einkleines Thcilchen. Dann würde ich die Reise nach Wien selbst ma-chen; aber so kann ich sie nicht wohl unternehmen, und zwar haupt-sächlich aus dem Grunde, der mich in glücklichern Tagen bewogenhätte, sie unter keiner Bedingung einem Andern zu überlassen; unddann so muß diese Reise spätestens binnen einem Monat geschehen,und ist mit Umwegen verknüpfet, weil ich mein Waarenlager zugleich