339
Mein liebster Freund!
Noch weiß ich nicht/ wie sich die Sache, so ich Ihnen gesternschrieb, auflösen wird; allein da dieser Brief erst übermorgen abgehet,so hoffe ich bis dahin Nachrichten einzuziehen, die Sie und mich beru-higen. — Unterdessen will ich mich mit Ihnen von etwas andern, un-terhalten, was mir sehr am Herzen liegt.
Je mehr ich Ihren letzten Brief überlese, je mehr werde ich über-zeugt, daß Sie mich für eine Schwärmerinn halten; Sie können miraber wahrhaftig glauben, wenn ich Ihnen sage, daß ich nichts wenigerbin als das. ES ist wahr, ich handle gern aufrichtig und redlich, mei-nem Charakter, meinen Grundsätzen gemäß; doch daß ich in dem Fall,worinn ich jetzt bin, meinem Vortheile entgegen stehen sollte, blos umden Schein der Eigennützigkeit zu vermeiden, keineSweacS! ES würdemir leicht seyn, Ihnen hiervon den deutlichsten Beweis zu geben, durcheinen Vorfall, der mir erst kürzlich vorgekommen; und ich würde cSthun, wenn ich nicht dabey Personen nennen müßte, die ich zu hochschätze, als daß ich sie, um einer einzigen Unbilligkeit willen, in IhrenGedanken herunter setzen möchte. Doch Etwas kann ich Ihnen erzählen,das Sie einigermaßen überführen wird. Unter meinen vier hiesigenGläubigern ist der Jude P., der, wie Sie wissen, ein schwerer reicherMann ist, also die Forderung, so er an mir hat, für eine große Klei-nigkeit ansieht, und überdies ein gutherziger Mann seyn soll. Diesererbot sich gleich gegen Schubach, er wollte mir -to Procent nachlassen,und mit den übrigen 60 Procent so lange warten, als alle Andere,wenn er oder ein Anderer ihm Bürge würden. So wie ich dicS nurhörte, sagte ich: der Jude muß für sein Mißtrauen gestraft werden.Wenn cS Herr Schubach zufrieden — ohne den ich in dieser Sachenichts thue — so nehme ich sein Anerbieten an, und zwar so, daß erauf keinen Fall weiter was von mir bekömmt. Bleibt mir nicht soviel übrig, daß ich leben kann, so will ick) cS mir zueignen; sonst sollcS so verwandt werden, daß es P, gewiß nicht besser wird verwendenkönnen. — Die Sache liegt noch so, weil Herr Schubach mich gebeten,sie nicht abzumachen. Ich merke wohl, daß ein kleiner Eigensinnhierinn herrschet, und daß, wenn P. ins Reine mit mir will, er nochmehr verlieren muß, oder Sch. stimmt nicht mit ein. Nicht ctwan,weil Sch- Bürgschaft leisten müßte; nein, ich würde ihn gleich be-zahlen, sondern weil er ohnedies P" nicht gut ist. Ich hingegenbin ihm recht gut; denn er führet sich gegen mich außerordentlich gut
22"