Briefe an Lcssing. 1772.
351
unter den allcrvortheilhaftcsten Anträgen wollte ich Ihnen nicht rathen,aufs Ungewisse hinzugehen. Selbst wenn Sie beynahe gewiß wären,wie Sie eS denn seyn können, daß man Sie alsdcnn zu behalten wün-schen würde/ werden Sie sich doch allemal besser stehen/ wenn SieIhre Bcdingnisse vorher festsetzen. Am Wiener Hof muß man seineVortheile wahrnehmen, ehe sie einen haben; nachher hält es schwer/etwa» zu erhalten/ zumal da der Kaiser nichts weniger als gencrcux ist.
So wie ich nur von Ricdcl hörte/ ward mir die ganze Sacheetwas verdächtig, weil ich daraus schloß, S * * sey mit im Spiele;und ob der mir gleich verschiedene mal gesagt: er wünschte, daß manSie, nebst einigen andern/ nach W * * berufe» möchte, so habe ichdoch nie geglaubt, daß er eS im Ernst so meinte, da es, seinem Cha-rakter nach, fast unmöglich ist, daß er wünschen sollte, Sie an derSeite zu haben. So stolz er ist, fühlt er doch wohl den Unterschiedzwischen sich und Ihnen.
Auf der andern Seite konnte ich mir aber auch nicht vorstellen,wie S * * aus der Tiefe, in die er gesunken war, sich wieder emporschwingen können. Wenigstens wüßte ich mir keine Hand zu denken,die sich ihm dargeboten Härte. — Pater T>., Hell, alle diese Leuteschätzten ihn sehr wenig, und diese wird man allerdings bey der Sachezu Rathe ziehen. Wenn Sie das wüßten, so könnten Sie voraus ver-sichert seyn, daß S" nicht viel dabey zu sagen hat, und auch nieViel dabey zu sagen haben wird.
ES sollte mich nur einen Brief kosten, so wollte ich Ihnen diegenauesten Nachrichten einziehen; allein ich habe Bedenklichsten, warumich diesen Brief nicht gern schreibe. Doch wenn Ihnen sehr daran ge-legen ist, so setze ich mich darüber weg. Sagen Sie mir nur, wasSie hauptsächlich zu wissen verlangen. Wenn eS zwar bey meinerReise bleibt, wie sie noch immer festgesetzt ist, nehmlich zu Ende diesesMonats, so kann ich Ihnen die Nachrichten beynahe eben so geschwindselbst geben.
Meiner Gesundheit wegen kann ich die Reise nun wohl unterneh-men. Die Mittel von meinem Brudcc, die ich seit vierzehn Tagenbrauche, thun ordentlich Wunder. Schlaf, Appetit, alles hat sich wie-der cingcfunden, unerachtct ich nicht die mindeste Bewegung habe, dieich mir nicht machen kann, weil wir anhaltend schlechtes Wetter haben.Sie wisse»/ daß mein mcister Ausgang zu Madam Sch. ist. Die habeich gestern in drey Wochen zum erstenmal besucht. Sie hat mir vieleKomplimente an Sie aufgetragen. Sch. scheint nun wohl, und auchzufrieden zu seyn.