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Briefe an Lcssiug. 177.'.
Mein Schwager hatte mehr Lust, über Berlin zu gehen; alleindaraus wird nichts. Wolfcnbüttel liegt zu weit davon. Und ob ichzwar da auch einen Lessing fände/ so wäre es doch nicht der, den icham liebsten zu sehen wünschte.
Und diesen Lessing könnte ich der Etiquette halber nicht einmalbesuchen; denn er hat mich nicht besucht, und kennt mich noch oben-drein gar nicht.
Durch den Brief an den StaatSrath Gebler können Sie mir einenwahren Dienst erweisen. Wenn ich am Hofe was suchen müßte, sokönnte er mir sehr bchülflich seyn. ES schlägt ohnedem in sein De-vartement mit ein. Ich erfuhr eS zu spät, sonst hätte ich das vorigc-mal schon seine Bekanntschaft gesucht. Ihre Bekanntschaft mit ihmist aber wohl noch zu neu, als daß Sie ihn ausdrücklich ersuchenkönnten, mir in meinen Angelegenheiten mit seinem Rathe bcyzustehcn?Nun, wenn Sie dies auch nicht gern thun wollen, so halten Sie mirdoch gewiß den Brief parat: denn ich besorge, wenn ich ihn nichtfertig fände, daß er mir dann so bald nicht nachkäme. Ist eS nichtso, daß Sie leicht so waS v-rgessen? — Und da ich nun so viel späterreise, so hoffe ich, wird auch Ihr neues Stück fertig seyn? Ich wünschteeS recht sehr. Denn wenn ich Geblern dies überbrächte, so brauchteich keiner weltern Empfehlung. Ich mag Sie nicht fragen, waS esfür ein Stück ist? Wenn Sie es hätten sagen wollen, hätten Sie eSohnedies gesagt.
Ich bin heute zu nichts weniger aufgelegt, als zum Zanken, undmag mich auch nicht mit Ihnen überwerfen, bevor ich den Brief anGeblern habe. Sie haben mir aber zu viel Gelegenheit gegeben, daßich nicht umhin kann, böse auf Sie zu seyn. Ich muß es mir aufein andermal vorbehalten. Sie erklären mich für eine Betrügerinnund Lügnerinn. Schämen Sie sich was! Es wäre wohl der Mühewerth, eines von beyden um diese Lumpercv zu werden. Ich müßteim Traum geschrieben haben, wenn ich von der Lotterie Meldung ge-than hätte. Ich setze in keine, also kann ich auch in keiner was ge-winnen. Allein genug, ich habe mit Ihnen in Compagnie gespickt,und habe so viel gewonnen. Sind Sie nun zufrieden, wenn ich Ih-nen dies auf meine Ehre betheurc? So bitten Sie mich im Herzenum Verzeihung; aber reden Sie ja in keinem Brief ein Wort mehr davon.
Der höchst betrübte Witlwer, Herr B-, wird Ihnen schon seine»Verlust angezeigt haben. Ich glaube, er übersteht ihn. Was meine»Sie? Wenigstens beklagt ihn niemand; aber im Gegentheil schätztman sie glückselig; denn man sagt, daß er ihr, seit des Vaters Tode