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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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385
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Briefe an Lcsstng. 1772.

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Es ist Itt Berlin über dieses Stück von den französisch Gesinntennach dem Lesen überaus viel BöscS gesagt worden, aber es scheint/daß die Ausführung diese Kritiken meist niederschlagen werde. Somanche Vollkommenheit auch den Schauspielern fehlt, so muß mandoch mit ihnen zufrieden seyn, daß sie durch die Aufführung vieleSchönheiten des Stücks den Zuschauern im Ganzen lebhafter vorAugen gebracht haben, als durch das bloße Lesen geschehen. Der Bey-fall war allgemein. Der General Zietcn hatte auf heute den Ernte-kranz bestellt! aber auf Zurufen des Parterre wird heute Emilia wie-derholt, und wird auch wohl noch einige Tage wiederholt werden.

Leben Sie wohl, bester Freund. Ich umarme Sie, und bin

Ihr

Nicolai.

Nachschrift. Das Gerücht trägt sich von neuem damit, daß Sie»ach Wien berufen sind. Ist etwas daran? In solchem Falle wünscheich Ihnen Geduld, wenn Sie Nicdcln zum College» bekommen.

Berlin , den 11. April 1772.

Liebster Bruder,

Emilia ist nun hier aufgeführt worden, und zwar dreymal hintereinander. Wie? Ziemlich gut; gut, kann ich auch sagen, undbesser als man cS sich von dieser Gesellschaft versprach: nur muß ma»nicht den Gehalt des Stücks zum Maßstabe nehmen. Auch will ichdie Deutsche Truppe sehen, die den ganzen inilerlichcn Werth darstel-len könnte, ihn erhöhen, daran ist gar nicht zu denken. Eine oder einpaar Rollen, da und dort meisterlich, vortrefflich; mehr nicht. Undso auch bey uns.

Madame Starkin spielte die Claudia unverbesserlich- Hätten alleso gearbeitet oder so arbeiten können: was für eine Vorstellung wäreeS geworden! Die Mutter ist nicht die interessanteste Person im Stücke,aber durch ihre Kuust war sie cS. Die Braunschwciger Zeitungen sa-gen zwar, daß diese Rolle sich auch dort ausgenommen; allein ich glaubeschwerlich, so wie hier. Unsere Einbildung geht weit; ich denke aber,nicht viel weiter, als diese würdige Frau darstellte. Natürlich verdun-kelte sie dadurch alle übrigen Rollen.

Den zweyten Rang verdient wohl Brückner in der Rolle desMarinelli. Das Eben die, wollte er recht nachdrücklich und abwech-selnd machen; es mißlang ihm aber, und er fiel in das Possierliche,was indeß doch nicht bemerkt wurde, da er in« Ganzen gut und rich-tig spielte.

LcMigs Werk- xm. 25