Briefe an Lcssing. 1772,
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verkaufe»/ eS müßte denn der Verlust an der Seidenfabrik mich außerStand setzen, sie zu behalten. Und so arg wird es doch nicht kommen.Das kann ich mir kaum vorstellen, daß ein solch groß Unglück übermich verhängt wäre. Ich denke vielmehr, daß bald sich alles wiederum mich herum aufheitern soll. Und wenn ich Sie versichere, d-;ß ichdieses im Ernste denke, so brauche ich Ihnen weiter nicht zu sagen,daß ich gesund bin. Doch, ich freue mich zu sehr darüber, als daßich Ihnen nicht ausdrücklich sagen sollte, wie wohl ich sey. Die Wie-ner Lust scheint mir diesmal besser zu bekommen, wie vorigeSmal, oderob vielleicht die Luft eine halbe Stunde vor der Stadt reiner ist, alsin der Stadt? Ich logire diesmal auf der Fabrik; und diese hat eineso angenehme Lage zwischen lauter Gärten, von allen Häusern abge-sondert, daß ich wie auf dem Lande wohne; dabey kann ich zugleichdas Vergnügen haben, was einem auf dem Lande abgeht, Leute zusehen, wenn ich will. Ich darf nur in die Spallierfabrik gehen, sofinde ich jede Stunde jemand anders, und zwar alle Gattungen vonMenschen, Fürsten, Grafen :c. — und ich kann dem Dircctcur keinegrößre Freude machen, als wenn ich ihm Gelegenheit gebe, mich alsseine Frau Principalinn aufzuführen. — Den meisten, welchen ich Vi-site gemacht, habe ich gesagt, daß ich mir in den ersten vier Wochenihre Gcgcnvisite verbäte; und so sind also sehr wenige, die mich be-suchen; unter den Wenigen ist die Frau von Sonnenfels die, welchemich am fleißigsten besucht. Ihr Mann ist anch schon einigemal hiergewesen. Ich finde ihn sehr verändert, viel bescheidner. Endlich wirder einsehen, daß man nicht weise handelt, wenn man sich gar zu we-nig um das Urtheil der Welt bekümmert. Wie ick höre, soll er sowohlbeym Kaiser als der Kaiserin jetzt übler angeschrieben seyn, als er je-mals gewesen. ES soll ihm neuerdings anbefohlen seyn, sich um wei-ter nichts zu bekümmern, als was in sein Amt schlüge.
Gestern ließ sich — nach der Wiener Sprache — der Herr Pro-fessor M. bey mir aufführen, der erzählte: Riedcl würde nicht kom-men ; ein gewisser Dohmherr aus Mainz sey kürzlich hier gewesen, undhabe der Kaiserinn eine sehr schlechte Schilderung von seinem Charak-ter, hauptsächlich aber von seinen Sitten, gemacht, so daß sie gleichbefohlen, man mochte es ihm abschreiben. Wenn cö wahr ist, so istes sonderbar. Ich glaube es noch nicht, weil Sonnenfcls nichts da-von weiß. Kein großes Glück verliert Riedcl nicht, wenn cS auchwahr ist, doch vielleicht immer ein größers, als er verdient. Sei»ganzer Gehalt, der ihm versprochen war, bestand in 1200 Fl. — Pro-fessor M. sagt auch: cS wäre Schade, man habe Sie berufen, bevor