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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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393
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Briefe an Lessing . 1772.

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Nach dem allgemeinen Urtheil soll das deutsche Theater seit einemhalben Jahre sehr gesunken seyn, und mein Schwager sagt: wenn eSjemals mit Recht wäre gelobt worden, so sey eS wirklich wieder ge-fallen. Er findet eS unter dem Mittelmäßigen. Ich bin nicht Einmalwieder da gewesen/ und außer Ihrem neuen Stücke sehe ich gewißauch kcinS. Wie ich höre, werden sie es nächstens aufführen. Michverlangt selbst/ wie man eS hier beurtheilen wird. Ich habe bishernoch niemand gesprochen, der es gelesen, als den Herrn von S * *,der läßt ihm alle Gerechtigkeit widerfahren, besonders fand er denDialog Lessingisch, nehmlich vortrcflich/ ganz einzig in seiner Art.Dcmungeachtct thun Sie ihm nicht Unrecht, wenn Sie ihn für dashalten, wofür Sie ihn halten. Ja wohl ist eS sonderbar/ daß we-der S noch G *' wissen, was um sie herum vorgeht. Ich binaber nun dahinter gekommen, warum wenigstens G " eS nicht wissenwill. Er selbst ist derjenige, so Riedcln in Vorschlag gebracht, undweil die Sache so wunderlich läuft, so schämt er sich. Ich habe eSnun von einem Mann, der es wohl wissen kann, daß es wirklichandem ist/ was ich Ihnen neulich geschrieben. Riedcl kömmt nicht/weil er aber einmal berufen worden, so behält er eine jahrliche Pen-sion von .?oo Fl. Ich halte ihn für glücklicher so, als wenn erwirklich gekommen wäre. Denn man hat ihn zu etwas machen wollen,was er wohl nie hätte werden können: zu einem andern Winkclmann.Um dieses zu werden, hat er sich einige Jahre in Italien aufhaltensollen. Seitdem ich dieses gehört, wünsche ich kaum mehr, daß manSie hierher berufen möchte. Mir n-äre bange, daß Ihnen der Ein-fall wieder kommen könnte, nach Italien zu reisen, den Sie dannganz leicht ausführen könnten. Wenn Sie mich endlich mitnehmenwollten, so ließ ichs angehen, allein das thäten Sie wohl nicht?

Von Ihrem nculichen Berufe hierher weiß niemand waS; alleinein jeder weiß, daß man Sie lange hier gewünscht, und noch wünscht.Pater Würz, der ein außerordentlicher Verehrer von Ihnen ist, sagtevor einigen Tagen zu meinem Schwager: Vor einigen Jahren hätteman sich feste Hoffnung gemacht, Sie würden auf Wien kommen;allein Sie wären zu stolz gewesen. WaS er damit hat sagen wollen,darnach hat mein Schwager nicht gefragt. Ich aber werde mich bcoder ersten Unterredung mit ihm genauer darnach erkundigen.

Was Ayrcnhoff für ein Mann ist, kann ich Ihnen nicht sagen.Seit ich Ihren Brief erhalten, habe ich niemand gesprochen, der mirseinetwegen Auskunft hatte geben können. Der gute Mann wird wohllange warten müssen, ehe er Antwort von Ihnen erhält; aber antwor-