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Briefe an Lcssuig. 1772.
Aon Madame König.
Sie wünschten, ich hätte Ihnen geschrieben, ehe ich noch IhrenBrief erhalten hätte. DaS wäre anch sicherlich geschehen, und zwarmehr als einmal, wenn ich nur einigermaßen im Stande gewesen wäre,es zu thnn. So aber war ich zeithcr immer krank, und noch mehram Gemüthe krank, als am Körper. Alles mußte zusammen stoßen?fehlgeschlagn- Hoffnungen hier, verdrießliche Briefe von Hamburg ,und was nicht alle- mehr, um mich fast gänzlich niederzuschlagen.Auch Ihr Brief, dem ich so sehnlichst entgegen sahe, enthält nichtviel Tröstliches für mich. Denn auch Sie sind nicht wohl, und viel-leicht übler, als Sie mir sagen wollen. Gott gebe, daß eS nicht sey,und daß Sie Ihrem Versprechen, mir den nächsten Posttag wieder zuschreiben, mögen nachgekommen seyn, sonst würde cS schlecht um michaussehen: denn ob ich gleich seit einigen Tagen etwas besser bin, sobin ich doch noch nicht so stark, mir traurige Gedanken aus demKopfe reden zu können.
Ich hätte gewünscht, daß Sie den Pyrmontcr Brunnen an derQuelle getrunken hätten. Nicht der Brunnen allein ist Ihnen nöthig,sondern mehr die Zerstreuung, und wenn Sie nun vollends die fataleArbeit fortsetzen, die Ihnen so nachthcilig ist, so fürchte ich, daß derEffekt vom Brunnen wenig oder nichts seyn wird. Ucberhaupt solltenSie die Arbeit ganz auf die Seite setzen, bis Sie sich geschickter dazufänden, und wenn die Zeit auch einmal käme, was wäre denn darangelegen? Ein Andrer kann die Bücher in Ordnung bringen, der siein Ordnung haben will. Ich meines Theils habe sie, seit ich IhrenBrief erhalten, hundertmal ins Feuer gewünscht.
Ihr neues Stück ist vorige Woche drey Tage nach einander auf-geführt worden, und zwar mit außerordentlichem und allgemeinemBeyfall. Der Kaiser hat eS zweymal gesehen, und es gegen G. sehrgelobt. Das muß ich aber auch gestehen, hat er gesagt, daß ich inmeinem Leben in keiner Tragödie so viel gelacht habe. Und ich kannsagen: daß ich in meinem Leben in keiner Tragödie so viel habe lachenhören, zuweilen bey Stellen, wo, meiner Meinung nach, eher hättesollen geweinct, als gelacht werden.
Die Vorstcllnng ist sehr mittelmäßig ausgefallen. Nur allein dieHuberinn, die die Rolle der Mntter machte, hat, meines ErachtcnS,in der größten Vollkommenheit gespielt, Wenigstens ich habe in mei-nem Leben keine Rolle so ausführen sehen, und bey keiner das cmpfun-