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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lessing . 1772.

Seit einigen Wochen ist ein junger Professor aus Leipzig , NamensReiy, hier, um das Kabinct eines gewissen Fürsten in Ordnung zubringen. Vielleicht kennen Sie ihn.

Die Nachricht von Madam G> hat mich erfreut, und so auch dievon unserm Freund Sch. Wie gut wäre es, wenn der Mann einmalin einen ruhiger» Stand käme! Zwar ruhiger wird er dadurch nichtviel mehr werden, aber doch frey von Nahrungssorgen, und dies sindwohl die nagendsten Sorgen, die man in der Welt haben kann; vor-ausgesetzt, wenn man Kinder hat.

Ich sehe nicht ein, wie ich mir auf das Vergnügen Hoffnungmachen könnte/ Sie im August in Hamburg zu sehen. Dcmohngcachtctreisen Sie immer hin. Statt Sie da zu sehen, werde ich die Zufcie<denheit haben, von Ihnen zu hören, daß Sie Ihre völlige Gesundheitund Munterkeit wieder daher geholt haben. Gott weiß, wenn ichhier wegkomme, und ob und wie ich wegkomme! Noch stehe ich immerauf demselben Fleck. Doch, ich habe mir vorgenommen, Sie für dic-seSmal gar nicht über meine Umstände zu unterhalten, und mir über-haupt, während daß ich den Brunnen trinke, so viel möglich, allesUnangenehme aus dem Kopfe zu schlagen. Der Pyrmontcr Brunnengreift mich ohnedies allemal stark an. Könnte ich ihn doch in IhrerGesellschaft trinken! Diesen Wunsch thue ich sicherlich alle Morgenbeym ersten GlaS.

Leben Sie wohl, liebster Freund! Ich kriege Besuch, und mußalso schließen. Schreiben Sie mir ja bald, ich bitte Sie inständigst.

K.

Berlin, den ?1. Julius 177?.

Liebster Bruder,

Daß Du bey gesundem Leibe krank, und bey gesunder Seele tin-tenschcu bist, habe ich aus Deinem Briefe an Voß gesehen. DieseArt Krankheit ist mir nun freylich nicht bekannt; aber eine ähnliche:mit frohem Gemüthe verdrießlich zu seyn. Freylich habe ich nur erstden Ansatz dazu, doch so viel, daß ich mir von Deinem Zustande eineVorstellung machen kann. Bey dem allen aber ist Deine Tintcnschcueine Erinnerung, in der Einsamkeit auch einsam zu bleiben. Die dor-tige Bibliothek ist Dir zu viel Gesellschaft, in welcher MoseS, derseit langer Zeit Deine Krankheit hat, und also aus doppelten Ursachenan Deinem Befinden Antheil nimmt/ mit Schaudern herum gewandert ist.

Hier folgt endlich der neue Abdruck von Deiner Emilia. DerTitel ist etwas gothisch. Der Briefmachcr über Deine Emilia im