Briefe an Lcssiiig, 1772.
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das Ihnen mißfallt/ so kommen Sie nur nicht auf den bSscn Gedan-ken, als ob Ihr Glcim den mindesten Antheil daran habe.
Mit seiner Dichteropcr bin ich unzufrieden, und mißbillige man-ches in seiner Vertheidigung gegen Hausen. Von beyden Schriftenhab' ich vor dem Druck nicht die mindeste Kenntniß gehabt.
Unser guter Michaelis besserte sich die vorige Woche, wurde aberchcgcstcrn wieder krank, und ich habe wenig Hoffnung ihn zu behalten.
Glcim.
Halberstadt , den 30. Sept. 1772.
Diesen Nachmittag um ein Uhr ist unser Michaelis, nachdemer an der Schwindsucht und einem Lungengcschwür beynahe ein Vier-teljahr sehr krank gewesen war, in die Ewigkeit gegangen. Ihnen,mein liebster Lcssmg, meld' ich cS noch heute; denn Sie waren seinBeförderer. Sie kannten sein Genie, und stimmen in meine Klagen.Lassen Sie doch den Braunschweigischcn Freunden seiner monatlichenBriefe Nachricht davon geben, damit sie die Fortsetzung derselben nichtnoch länger erwarten, denn in den drey Monaten der Krankheit habensie schon darauf gewartet. Er halte Hoffnung bis in die letzte Stundeseines Lebens, und dachte noch immer seine Briefschuld abzutragen.Mit weniger anstrengender Arbeit hat er sich wahrend seiner Krankheittäglich beschäftigt, seine Kinderfabeln sind der letzte Nachlaß seinesvortrefflichen Genies, das, wenn cS zur Reife gekommen wäre, seinVaterland zuverlässig mit vollkommenen Werken bereichert hätte. Nochwar er ein Jüngling, und einer, der die Ungeheuer Hypochondrie undArmuth, ich meine den äußersten Punkt derselben, zu bekämpfen hatte;wie manches originelle Produkt haben wir nicht dennoch von ihm!
Im IuniuS dieses Jahres ließ er, während meiner Anwesenheitzu Berlin , einen meiner Anverwandten, Namens I«hns, der mitihm von gleichem Alter war, und von nicht mindern« Genie — diesen,der an der diesjährigen epidemischen Krankheit gestorben war, ließ erbegraben. — Bald darauf wurde er krank- Seine Grabstätte bekommter neben seinem Jähns, und wer weiß, mein lieber Lcssinrr, ob IhrGlcim nicht auch bald zu seinen Vätern dahin versammelt wird. In-deß bin ich Willens, den beyden jungen Dichtern Iähns und Mi-chaelis (einige poetische Stücke von Iähns hat Michaelis nach deSersteren Tode gesammelt, und, wie ich höre, zum Druck nach Leipzig geschickt) ich bin Willens, ihnen ein Denkmahl setzen zu lassen, und