wünschte, daß mein Lessing die Grabschrift machen wollte. Sie be-kommen beyde nur Einen Stein.
Glcim.
Berlin , den 19. Octobcr 1772.
Liebster Bruder,
Schrieb ich Dir letzthin nicht, daß Graf*) gesagt, der Kopf derAgrippine sey zwar antik, passe aber nicht zu der Agrippine, und müssevon einer andern Antike auf dieselbe gesetzt seyn? Er wäre zu demübrigen Körper viel zu klein, sonst aber ein so sehr schöner Kopf, daßer unmöglich von einem Neuern seyn könne. — Gäbe eS wirklich kei-nen Menschen auf der Welt, welcher einen Kopf machen könnte, derin Ansehung der Vollkommenheit einem schönen antiken gleich käme?Die Möglichkeit davon läugnen, ist Antiquacität, nicht Kunstkcnntniß.Du sollst Unrecht haben, und man giebt Dir Recht.
Hast Du MurrS Paar Bogen gegen die Hauscnsche Lebensbeschrei-bung des verstorbenen Klotz gelesen? Murr hat viel, aber nicht weitgesehen; denn wenn alles so ist, wie er cS in diese Bogen einrückt, soist er am schlimmsten geschildert. Warum er Dich in Kunstsachen nichtfür einen so großen Kenner passiren lassen will, davon habe ich keinenandern Grund gefunden, als den, daß Du nicht in Italien gewesen bist.
Vor einigen Wochen sah ich auch bey Herrn Meil die LippectschenAbdrücke. Braucht man erst Kenner zu seyn, um zu behaupten, daßunter einem Tausend kaum koo mittelmäßige, und kaum ein Paarhundert gute und vortreffliche sind? Wäre eS bloß mir so vorgekommen,so sagte eS so viel als nichts; Meil denkt aber eben so, und bewies eSmir mit sehr vielen Beispielen. Nun frage ich Dich selbst, lieberBruder, was will Lippert mit seiner großen Sammlung? Beweisen,daß die alten Künstler Gutes und Schlechtes gemacht? jungen Leutendaraus Mythologie, Historie und guten Geschmack beybringen? Dahätte man eine Auswahl der besten treffen müssen. Junge Leute brau-chen eben nicht viel zu sehen, sondern bloß GutcS; Mittelmäßiges undSchlechtes kömmt ihnen gelegentlich genug in die Hände. Von derKostbarkeit und Weitläufigkeit, die unnöthiger Weise gemacht wird,nichts zu gedenken. Freylich nach den Beschreibungen ist alles merk-würdig! Allen alten Bettel zusammentragen, und hübsche Abdrücke
') Der berühmte Portraitmaler in Dresden, der damals i» Berlin war. Aarl G. Lessing.