Briefe a» Lessiiig. 1772.
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davon mache», kann leicht so verdienstlich seyn, als Graben und Mistführen; muß man es aber gleich Kunstkenntniß nennen?
Hier lassen die Mitglieder der Akademie ein Tagebuch drucken. Esheißt .lournnl litlvralro. Die Recensionen sind durchaus weiter nichts,als die trockensten Auszüge. Sie wollen, wie sie sagen/ dadurch derParthcylichkcit ausweichen/ und bedenken nicht, daß man auch par-thcyisch refcriren kann. Sie wollen auch über kein Buch einen Aus-svruch thun. Warum liest man aber Tagebücher? Eben um von einemErfahrnen zu erfahren, ob er glaubt, daß das oder jenes Buch auf-merksam, oder nur obenhin, oder gar nicht gelesen zu werden verdiene.Sich also eines AusspruchS bey Recensionen überheben, heißt, demLeser nicht auf seine Frage antworten. UebcrdieS kann man auch ziem-lich unwissend seyn, und doch von einem sehr wichtigen Buche einenAuszug geben. Und das ist manchen Recensenten nicht unwillkommen.
Dein
treuer Bruder,Karl.
Von Madame König.
Mein lieber Freund:
Ich habe es sehr oft vergeblich versucht, an Sie schreiben zu wol-le»; nie war ich dazu im Stande, und bin cS auch jctzo noch nicht.Allein wenn ich auch nicht weiter kommen sollte, so muß ich Sie we-nigstens nur bitten, mir zu sagen: woran cS liegt, daß ich auf zweiBriefe keine Antwort, ja seit dem 29. Jul. keine Zeile von Ihnengesehen habe? Ach kann mir Sie nicht anders als krank vorstellen.Unmöglich könnten Sie sonst eine unglückliche Freundinn so sehr ver-nachlässigen. Und wie sehr mich der Gedanke martert, brauche ichIhnen hoffentlich nicht zu sagen. Gott gebe! daß meine Muthmaßun-gen »ngegründct seyn mögen, und daß bereits ein Brief unterwegsseyn mag, der mich dessen versichert. Sonst versäumen Sie doch kei-nen Augenblick, wenn cS auch nur zwei Zeilen wären, mir Nachrichtvon Ihnen zu geben, oder geben zu lassen.
Der Brief an G- mag immer zurück bleiben, wenn Sie ihn nichtschreiben wollen. Dieser Brief war eine Zeitlang ein Trost für mich,weil ich Sie darum ersticht hatte, und also glaubte, daß der die Ur-sache seyn könnte, warum Sie das Schreiben so lange an mich aus-setzten; nunmchro aber will der Trost nicht mehr haften.