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Poesse lobenswürdig ist, der auch den Deutschen weit mehr Gerechtig-keit widerfahren läßt, als viele andere Franzosen, der aber — (umIhnen alles zu sagen) — wenn man ihm etwas genauer auf den Zahnfühlt, doch mit den Vorurtheilen seiner Nation, eben so gut als je-der anderer Franzose, angesteckt ist. Er hat nicht recht begreifen kön-nen, daß wir Deutschen eine besondere Philosophie hätten, die uns ei-gen ist, und bey Beurtheilung der Werke des Geistes ssnd die ri-gles«in Iion Zoüt zuletzt sein unwidersvrechlicher Machtsvruch, Ich habeihm oft gesagt, daß der bou xoüt, wie ihn sich seine Landsleute vor-stellen, eine Pariser Chimäre sey, und daß fich kein Deutscher nachdiesem lim, xoüt richten lasse. Unsere Gespräche ssnd daher öfters sehrlebhaft geworden. Wenn man ihm Gründe auf Gründe häufte, ab-strahirte er gemeiniglich vom weitern DiSvüte.
Ihre Miß Sara, und Minna, lobt und liebt er sehr. Aber dieEmilia kann er nicht verdauen. Dies verdenke ich ihm auch garnicht; aber man müßte von LcdcnS beyden Eyern anfangen, wenn manihm gewisse Dinge, die er gar nicht ctnssehet, nur begreiflich machenwollte. Daher habe ich ihm, so ost er davon angefangen hat, gesagt,ich wäre dcS Gegentheils von dem, was er glaubte, überzeugt, habeaber immer abgelehnt, mit ihm darüber zu streiten. DicS hat auchMoses gethan.
Aber über Ihre Dramaturgie ist der Streit oft ziemlich lebhaftgewesen. Er glaubte, Sie thäten den dramatischen Dichtern seinerNation unrecht, und kennten sse nicht genug. Ich habe ihm darüberalles gesagt, was zu sagen ist. Ich habe ihm unter andern zu verste-hen gegeben, daß die dramatischen Dichter der Franzosen für ihre Na-tion gut wären, daß aber die deutsche Nation andere Dichter brauche.Davon wollte er nichts hbrcn. ES hieß immer zuletzt: les i-vgle« 6>iIion xoüt tont jiar-tout I<-8 meines. — Endlich rieth ich ihm, selbstzu Ihnen zu reisen. Ich versscherte ihn, er werde sehen, daß Sie inder That gegen seine Nation viel billiger wären, als Ihr Buch schiene.— Da ist Cacault nun bey Ihnen! Sehen Sie zu, wie Sie meineWorte wahr machen.
Wegen Ihres unbefugte» Angriffs auf mein vrivilegirteS VcrlagS-buch, Eberhards Apologie des Sokrates'), sollte ich Ihnen bil-lig den Text lesen, wenn ich heute nur Zeit hatte. Aber, wie Ihr Leute
*) In den Beyträgen 1r Th. S. 21o. sBd ix, S. tS8) halte Les-sing Einweiidlingc» gemacht wider dasjenige, waS Hr. Eberhard in seinerApologie des Sokratcs gegen Lcibnikcns Vertheidigung der Höllcnsira-fcn sagt. Nicolai,
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