Briefe an Lessiiig. 1773.
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geben lassen. Ich erhielt sie, und brachte sie heim. WipS (sagt derWandsbecker) setzte meine Frau sich hin, schrieb das Dingelchen ab,und in 3 oder 4 Tagen war das gethan. Die Vorsorge war nöthig,weil niemand voraus wissen konnte, wem die Cobersche Abschrift beymAusrufen zu Theil werden würde. Denn sie so hoch hinauf zu treiben,war ich nicht Willens, und Sie, werther Freund, würden das mirauch wenig Dank gewußt haben, wenn ich das gethan hätte. Ichnenne die Abschrift nach ihrem Schreiber. Der heißt 01. Cover, istjetzt Conrcctor zu Bautzen , und war von ^c>. 1769. Lehrmeisterbey des Herrn Hofrath Bianconi Kindern, der damals bey dem Chur -prinzen Leibarzt war. Wie nun Bianconi ao. 1760. mit seiner Herr-schaft nach München flüchtete, so kam Herr Cober auch mit dahin,nutzte die dortige churfürstliche Bibliothek für sich und für seinenHerren ein Jahr lang. Hierauf schickte sein Herr ihn nach Wien ,Florenz, Mailand, Rom , wo er überall die Bibliotheken plündernmußte. In Italien hielt IU. Cober sich 2 Jahre lang auf, und brachteeinige hübsche literarischc Kleinigkeiten von seinen Reisen mit nachHause, davon er einen Theil an den seligen Herrn Assessor Stieglitzverhandelt hat, auS dessen Vcrlasscnschaft einige wenige Stücke in meinReich gekommen sind. Soviel von der Genealogie des Avogravhi.Von dem Werthe desselben aber behalte ich mir vor (wie schon gesagt)gegen das Ende meines Schreibens meine Gedanken zu äußern. N»nfahre ich im Texte weiter fort. Ihnen ins Ohr gesagt, liebster Les-sing , Sie stehn bey meiner Frau sehr wohl angeschrieben. Sie be-kennet es Ihnen ja selber, daß sie Sie liebet. WaS wollen Sie mehr?Ich werde darüber nicht eifersüchtig. Hier hat eS allemal nichts zubedeuten. Und Sie dürfen nicht eben sehr stolz auf diese Zuneigungseyn. Das Ding hat Absichten. Durch Sie, und unter Ihrer Maskeliebt sie sich selber. Eine Hand wäscht die andere. Doch vielleichtthue ich der guten Frau Unrecht. Vielleicht hat sie mit dem geringenneuen Dienste ihrer Feder mehr nicht als einen Theil ihrer Erkennt-lichkeit für Ihren Weicauch abtragen wollen. Siehe p. 72. > Bd IX,S. 57.Z Aber, liebster Freund, ums HimmclSwillcn, wie konnten Sieso über die Schnüre hauen? War das nicht eine wissentliche vorsetzlicheSünde? Wird nicht jedermann Ihr Kompliment parthevlich und über-trieben schelten? Wie konnte der unstreitig und anerkanntermaaßengroße Dienst, den die Dacicr ihrer Nation durch ihre Uebcrsetzungcnerwiesen haben, unter eine solche Kleinigkeit, deren ganzer Werth aufdie Mühe des AbsckrcibenS hinausläuft, mit Billigkeit und Rechteerniedriget werden? Meine Frau hat freylich, wie leicht zu denken ist,