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Briefe an Lcssiiig. 1773.
Sie müssen es gut aufnehmen, weil ich Sie in diesem Buche') citirthabe. Sie können wohl denken/ daß ich nicht umsonst so höflich willgewesen seyn- Lesen Sie also, und schreiben Sie mir Ihr Urtheil,welches von einem orthodoxen Theologen, wie Sie sind, wohl nichtsgeringcrS seyn wird, als daß ich, mitten im Himmel, die Sünde einsolches Buch geschrieben zu haben, im Sinne behalten, und dadurchvielleicht mitten in der ewigen Herrlichkeit ewig verdammt bleiben kann.
Also Sie haben Hrn. Cacault gänzlich umgekehrt, und haben mei-ner Recommendation, daß man Lcssingcn in seinem persönlichen Um-gange kennen lernen müsse, wenn man ihn beurtheilen wolle, Ehre ge-macht! Ich habe neulich einen Brief von Cacault an Sir. Litaulivgelesen, worin er ihm schrieb: .,je vou8 prie, ii^e» la palienoo äo.,Iiro la Dl'amaeui'Ate,' ma!8 g^ex la z>atieneo lle la liro « /'n//e-.,nianc/e, o'okt ü itiie, e/e /onk e^rami?!«?' eil /i/niit'." Eines sogroßen Wunders hätte ich mich doch nicht versehen. Ein Franzosesoll dem andern die Dramaturgie anpreisen! Nun glaube ich fast,daß eS möglich ist, Franz von Sickingen von Döbbelin auf demfranzösischen Theater zu Paris ") aufführen zu sehen!
Wen» sie nicht hören, reden, fühle»,
Noch sch'n; was thnn sie denn? — Sie spiele»!
Wenn es in dieser Zuciguungsschrist heißt: „Er hat seine Geißel A»-„dcrn übergebe», aber sie streiche» zu sanft; denn sie fürchte» Blut z« sc-„henz" so mevnt Moses damit die Littcralurbricfc, zu welche» Lessing nichtsgeliefert halte. Nicolai.
*) Nehmlich in, Leben Sebaldus Nothankers, dessen ersten Theil ich da-mal meinem Freunde übersendete. Nicolai.
") Der vor mehrcrn Jahren verstorbene Döbbelin, der Bater, warein Mann, dem nicht leicht ein Schauspieler In der große» Opinio » von sei-nen unvergleichbaren Talenten gleich komme» wird, ungeachtet es viele dieserHerren an Opinio » von sich nicht fehlen lassen, sonderlich die mittelmäßigen.Eckhosf und Schröder und Iffland hielten nie über die Gebühr vonsich. Döbbelin aber hielt sich für einzig i» seiner Art, und war höchst glück-lich i» dieser sciiicr Meinung. Sein Spruch ist bekannt: „Es ist Ei» Gott,Ein König Friedrich, und Ein Döbbelin!" I» gewissem Betracht war eswahr. Im possierlichen Wüthen, im Hcrausbrüllcn der Töne, i» Verzer-rung der Augen und dcr Micucn, und in, Hcrumwerscn der Hände und Auf-stampfe» der Füße, ist noch nie einer ihm gicich gekommen, selbst nichtBergopzomer zu der Zeit, als er noch in Wie» für eine» Schauspielergalt, dc» ma» nebe» Schröder«! setze» könnte. Döbbelin that sich ansseinen tragischcn Ton, den er tief aus der Kehle hervor gurgelte und bis zumBrüllen zu verstärken wußte, nicht wenig zu Gute. Ich hörte ihn einmal