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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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457
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Brief- an Lessing . 1773.

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Leben Sie wohl/ mein bester Freund! und schreiben Sie mirbald. MoseS grüßt Sie und auch der Prediger Eberhard/ ungeachtetdieser billig eine kleine Excommunication als einen fouclro cie poelieauf Sie schleudern sollte. MoseS hat das kalte Fieber, man hat Hoff-nung/ daß dadurch seine Krankheit werde gehoben werden. *) Ichbin stets

Ihr

Nicolai.

von seinem verstorbenen Sohne sage»/ zu der Zelt, da er ihn zum Theateranführen wollte:der Junge wird gut werden; er bekommt schon das tra-gische lviirgen." So erzählte er auch, als er in seiner Jugend inStrasburg gespielt habe sey der Beyfall so groß gewesen, daß er bis vorden Marschall Broglio gekommen, und daß dieser neugierig geworden sey,den deutsche» Schauspieler zu sehen, der so vortrefflich seyn solle. Er seydarauf als Zainor in der Alzire aufgetreten.Gleich als ich," sagte er,in der erste» Scene auftrat, griff ich mich an, um dem Marschalle zu zei-gcii/ was ei» Deutscher im Stande ist! Der Beyfall war allgemein. Aberder Marschall, der die Pariser Acteeirs kannte, sagte: der junge Menschhat sehr viel Talent; allein er hat noch nicht Erfahrung genug. Da er sostark anfangt, so kann er unmöglich am Ende Kraft genug habe», den Ef-sckt steigen zu lassen. Aber," setzte Döbbelin triumphirend hinzu,derMarschall kannte die For<?e meiner Stimme nicht; sie nahm zehnfach zu biszum Ende des Stücks." Döbbelin hatte im Ernst den Borsatz, mit einerdeutschen Truppe »ach Paris zu gehen, und so viel Beyfall durch sein Spie-le» zu erhalten, daß »irmand i» Paris mehr würde wollen die französischenSchauspieler sehen, die durch ihn im engsten Verstände vom Theater solltenherunter gespielt werden. Er erzählte dieses sein Vorhaben mchrmal meh-rcrn Personen, mit dem Beyfügen -Ich sage es laut, daß ich es thun will,damit, wen» die Welt siehet, daß es i» Pari« geschehen, sie auch wisse,daß ich es mit Vorsatz habe thun wollen." Nicolai.

*) Leider! geschah das nicht. Es war die Krankheit, welche er sich durchzu viel Anstrengung zugezogen halte, welche die Aerzte anfänglich verkannten,die ihn nach und nach abzehrte, und seinen frühen Tod endlich zu Wegebrachte. Diese Krankheit ist beschrieben i» Hrn. o. Zzloch's medicini-schen Bemerkungen, (Berlin 1774.) S. 61; doch sind nicht alle Um-stände, die psychologisch wichtig sind, angeführt, auch nicht nachhcrigc Vor«fälle: den» die daselbst angekündigte Genesung war nicht von Dauer, obgleicheinige Besserung erfolgte. Die philosophische Entäußerung, mit welcher die-ser außerordentliche Man» sein Leiden ertrug, läßt sich kaum begreifen. Ichbesuchte ihn damal ei» Jahr lang gar nicht, aus Freundschaft weildas Interessante und Lebhafte uuscrer Untcrrcdnng gleich seinen Zustand ver-schlimmerte. Nicolai.