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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lessiug. 1773.

halb im Sinne hat, haben in der Sache einen Halt gemacht, und ichmuß nun auch so lange stille sitzen, bis der Hof seine Entschließunggenommen hat. Unterdessen ist das völlig bey mir beschlossen, daß ichmich der Fabriken cntschlage, es wäre denn, daß ei» einziger Fall sichereignete; nehmlich der, wozu Sie voriges Jahr den Plan entworfenhatten. Allein wie wenig Hofnung ist hiezu! Und wie wenig Hofnungbleibt mir überhaupt übrig, wenn Sie den Schritt thäten, den Sieimmer noch in Willens sind zu thun! So fest ich mir vorgenommenhatte, Ihnen hierüber nicht weiter zu schreiben, so kann ich es dochnicht lassen, Sie nochmals zu bitten, cS wohl zu überlegen, ob SieSich nicht dadurch noch ein weit unangenehmeres Leben zubereitenwürden, als Sie jetzt führen. Gewiß würden Sie das, und zwar inmancherley Betrachtung, oder Sie müssen aufhören der Mann zu seyn,der Sie stets gewesen sind. Liebster Freund! lassen Sie uns unserSchicksal so geduldig wie möglich abwarten, und unserm Glücke jakeine neue Hindernisse in den Weg legen. Dann, werden Sie sehen,gehet alles gut. Nun genug von einer Materie, die mich, so oft ichdarüber denke, auf den ganzen Tag unruhig und untüchtig zu allenGeschäften macht.

Ich wäre neugierig zu wissen, wer Ihnen die Nachricht gegeben,man erwarte mich täglich in Hamburg . Ein Neugieriger oder eineNeugierige muß es seyn, die gerne hören wollte, ob Sie noch mitmir im Briefwechsel ständen. Denn ich wüßte nicht von was dieseNachricht hätte veranlaßt werden können. Noch ist an diese Reisenicht gedacht. Noch unbegreiflicher ist mir, wie Sie sich vorstellenkönnen, ich würde, ohne Sie zu besuchen, Ihre Gegend passieren kön-nen. AuS Ihrem Briefe schließe ich wenigstens, daß Sie cS halb undhalb geglaubt. Nein, liebster Freund, das wäre mir so unmöglich,als eS unmöglich ist, daß ich jemalen aufhören könnte, Sie zu lieben.Wollte Gott eS wäre erst nur so weit, daß ich reisen könnte, mit tau-send Freuden würde ich eS Ihnen schreiben.

Meine Sache in Hamburg stehet noch auf demselben Fleck. DieKinder dorten sind wohl, allein Theodor ist nicht allein sehr krank ge-wesen, sondern leidet auch noch immer an seinem Fuße. Dieses unddaß mein ältester Bruder zwey Anfälle von Blutspeycn gehabt, machtmir vielen Kummer. Gott wolle ihn erhalten! Er ist ein Vater vonacht Kindern und mein sehr treuer Freund. Der Professor ist auchimmer schwächlich. ES bleibt bey Ihrem Sprüchwort, daß eS einhundsföttisches Leben ist.