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Briefe an Lcssing. 1773.
Ich sah aber bald, daß Klotz unter die Satire sank, und ließ also diemetnige liegen, zudem fühlte ich bey reiferer Ueberlegung, es würdeunbillig und unmoralisch seyn, wenn ich lebende Leute in ihren eige-nen Wohnungen im nachthciligen Lichte und als thöricht abschildernwollte, wenn sie auch nach dem Leben geschildert würden. Inzwischenhatte ich so viel einzelne Gedanken schon geschrieben, so viel einzelneScenen überdacht, so oft, was ich sonst dachte, darauf rcducirt, daßmir die verzweifelte Reise, und manches, waS ich darin sagen wollte,immer wieder in den Sinn kam, und daß ich sie, um sie aus demKopfe zu bringen, in einer andern Form herausschreiben mußte. Ichänderte also, und erweiterte meinen Plan; aber, wie es immer beyAenderungen des Plans geht, alles konnte nicht wieder zutreffend ge-macht werden.
DicS soll keine Cgptatio benevolentiao seyn wegen der Anmer-kungen, die Sie versprachen mir mitzutheilen. Ich bitte Sie vielmehrrecht sehr, sie nur bald heraus zu sagen mit aller Ihrer Offenherzigkeit,die wir unter einander gewohnt sind. Vielleicht können sie mir beyder Fortsetzung noch sehr nützlich seyn; denn, mein lieber Lessing , dreyBande will ich schreiben. Drey Bände!
Daß Säugling mit Jacobi, und Rambold mit Riedeln widermeinen Willen eine gewisse Ähnlichkeit hat, kommt noch von der er-sten Anlage des Plans her. Aber ich werde mich in der Folge nochmehr bemühen, alle individuelle Züge zu vermeiden; denn ich bin weitentfernt, jemand persönlich charakterisieren zu wollen. Wenn aber Ja-cobi in das der Säuglinge, und Riedel in daS Geschlechtder Rambolde gehört, so ist dies wieder meine Schuld nicht.
Also auch Sie wollen, daß der arme Säugling Marianen.nichthevrathen soll? Mein liebster Freund, die Mädchen wählen für sichselbst, und lassen so wenig die Gelehrten als die Väter für sich wäh-len. Und wie, wenn das gute Geschöpfchen Säugling unter allenihren Liebhabern der einzige gewesen wäre, der es mit ihr ehrlich ge-meint hätte? Die Mädchen verzeihen für eine warme Liebe viel Thor-heiten, und am ersten die, daß ihr Liebhaber sich putzt und Verseauf sie macht.
Und nun sollte ich Ihnen auch wohl Anmerkungen über IhrenAngriff auf Hrn. Eberhard machen. Ich habe gelesen, was Sie die-serhalb an Ihren Bruder geschrieben haben*), und ich wußte vorher,
°) Man sehe Lessinas Leben, Th.i, S. 350. Nicolai. Nicolais Anmcr-kung bezeichnet hier die Stelle Bd xil, S. 409: sein Brief aber konntesich nur auf Bd xil, S. 395 beziehen.