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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lessing . 1773.

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daß Sie so dachten. Aber mein liebster Freund/ warum schreiben Siein ihrem Beytrage zur Litteratur öffentlich nicht so herzhast unddreist, als in Ihrem Briefe an Ihren Bruder? oder, wenn Sie esIhrer Convcnienz gemäß finden, die Mine anzunehmen, daß Sie dieorthodoxe Lehre vertheidigten, warum wollen Sie von einem Geist-lichen mehr Offenherzigkeit verlangen, als Sie selbst haben, da derGeistliche, bey'wenigerer Offenherzigkeit, weit mehr aufs Spiel setzt?Herr Eberhard hat im Grunde alles gesagt, was Sie meynen; er hatdie Wahrheit deutlicher gesagt, als Sie sie in Ihrem Beytrage sagen;nur konnte er sie nicht so deutlich sagen, als Sie in Ihrem Briefe.Gleichwohl hat diese Freimüthigkeit schon für ihn die verdrießlichstenFolgen gehabt. Er hat die Prcdigcrstclle in Charlottenburg bekommensollen; aber gewisse Leute, die einen andern verlangen, haben aus sei-ner Apologie des Socrates ketzerische Satze ausgezogen, haben dadurchunwissende Leute in der Gemeine aufgehetzt, die ihn als einen argenKetzer verschreien, und die sind recta an den König gegangen. DerKönig pflegt in solchen Sachen aus Politik dem Volke seinen Wil-len zu lassen, und Eberhard hat nach vielen unerfindlichen Cabalcndie Stelle nicht erhalten"). Weil bey allen künftigen Beförderun-gen par i'atio ist, so mag er immer als Prediger am ArbcitShausesterben. Der viele Verdruß hat dem guten Mann ein Gallenfieber zu-gezogen, an dem er jetzt krank liegt.

Alle denkende Geistliche nehmen an Eberhard ein Beyspiel, undwerden behutsamer in ihren Ausdrücken. Was soll cS nun werden,wenn sie von den Philosophen auch verdächtig gemacht werden? Undauf der andern Seite, haben die orthodoxen eingeschränkten Köpfe, diesich an vornehmen und geringen Pöbel hängen, doch noch Macht ge-nug; so bald sich nun »och nur ein philosophischer und witziger Kopf,und zwar ein Kopf wie Lessing , auf ihre Seite schlägt, so triumphi-ren sie noch mehr.

Sie sagen, die neuern Heterodoxcn sind inkonsequent- DaS ist

wahr. *"'S Buch von----ist ein sauersüßes Geschwätz

und an mehr als einem Orte inconscquent. Die Verdammungen in

°) Er erhielt sie hernach doch durch die Freymüthgkeit des HerzogsFriedrich von Braunschwcig. Dieser schilderte an des Königs Tafel Hrn. E.als einen würdigen Gelehrten und rechtschaffenen Mann. Dadurch ward derKönig bewogen, die Sache näher zu untersuchen, und die unruhigen Leuteabzuweisen. Ich habe die wahren Umstände erzählt, in meine» Anekdotenvon Friedrich il. Im Vten Hefte S. 110 u. f. Nicolai.