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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lessing . 1773.

den Hamburgischen Nachrichten hingegen sind sehr conscquentAber wenn man die Sache nimmt, so wie sie jetzt liegt, ist nicht *wenn er seine Absichten zur Verbesserung erreicht, wirklich ein Wohl^thäter des menschlichen Geschlechts? und waS können die Hambur-gischen Nachrichten anders als Dummheit und Verfolgung begün-stigen?

Ich hätte Ihnen noch viel von meiner Reise nach Weimar zu sa-gen, wo ich Herrn Wieland habe kennen lernen. Der Mann gewinntungemein viel/ wenn man ihn persönlich kennen lernt. Besondersaber wünschte ich mit Ihnen mündlich über eine Vorstellung derEmilia Galotti zu sprechen, weil ich nicht alles schreiben kann.Eckhoff als Odoardo hat alles Vortreffliche, waS ich mir vonihm vorgestellt hatte, weit übcrtroffcn. Ganz simpel, aber ganzNatur! Er war das Individuum Odoardo! Madame Hcnscl hat mirals Orsina ziemlich, aber nicht so gut wie Eckhoff gefallen. Gleichder erste Eintritt war zu ruhig. Mich dünkt, Orsina müßte nicht al-lein unruhig seyn, sondern cS müßten sich auch gleich im AnfangeSpuren ihrer Schwärmerei) und Abwesenheit des Geistes zeigen. DieMecour als Emilie gefiel mir gar nicht. Die andern spielten leid-lich; auch Brandes als NIarinelli, ob er gleich eher wie ein Kam-merdiener, als wie ein Kammcrherr aussah. Aber Eckhoff! ES ist

") Es war immer Lessinas Hauptvorwurf wider die ncucrndcn Theolo-gen, daß sie inlonsequeitt wären. Hingegen behauptete er, die Orthodoxiewäre konsequent. Wenn man tiefer mit ihm in den Streit kam, zeigte sichfreylich, daß er bey der Orthodoxie nach Qurnsteds System auch nicht blei-ben konnte, sonder» die Orthodoxie unterschob, wie er sie glaubte ans denQuellen herzuholen, wozu er denn bis ans die Nexui» üitei ging. Wie vielhaben Moses und ich nicht noch 1775, als er in Berlin war, mit ihm hier-über dispulirt! Wir warfen ihm vor, die lutherischen Orthodoxen müßtenihn mit seiner Nexui» lniei selbst für einen Neuerer achten. Dann finger wohl au, sich in der Hitze des Streits hinter die Katholiken zu verschan-zen; da versicherten wir ihn aber, die räbsUichc Hierarchie, das konsequentesteDing auf der Welt, würde ihn zusammt seiner liü«»!» tuwi, die durch keinKoncilium bestätigt ist, auf den Scheiterhaufen setze». Lcssings Beschuldi-gung wider die neueren Theologen in Absicht der Inkonsequenz legte ich imLeben Scbaldus Nothankers (Neue Ausgabe iitcr Bd. S. 94 ff.) einemBerlinischen orthodoxen Prediger in den Mund. Wir habe» nachher oftdarüber gelacht, daß ich ihn in meinem Romane im Kostüme eines Predi-gers redend eingeführt hätte. Nicolai.