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Liebster Bruder,
Nach meinem Gebete kann Dein Stillschweigen von keiner Un-päßlichkeit herrühren; folglich setzt Dich eine Antwort auf meinenBrief, wobey zwey Komödien und ein Plan zu einem Trauerspielelagen, in Verlegenheit. Du willst mir vielleicht nicht gern eine zuunangenehme Wahrheit sagen, und hältst mich auch für zu gut, mirspottend Unwahrheiten zu sagen; also schweigest Du. Aber nur nichtzu lange, lieber Bruder! Der Plan, wie ich ihn Dir überschickt, hatselbst mein größtes Mißfallen, und ich bin beschäftigt, nach einem,wie ich mir jetzt schmeichle, viel besserem, zu arbeiten. Wird nichtsdaraus, so ist ja auch weiter nichts verloren, als Papier.
Weißt Du schon, daß Wieland seinen Merkur nun nicht mehrselbst verlegt? Ob ich gleich nicht darüber streiten will, daß der Wei-marsche Buchhändler, als der neue Verleger, vielleicht nur eine MaSkcist, und Wieland nun besser fährt, als nach seinem ersten Plane: sohätte ich doch gewünscht, er hätte ihn unter seinem Namen fort ver-kaufen lassen.
Ist Dir auch ein Wisch zu Händen gekommen, der den Titel führt:Schreiben des Herrn Haushofmeisters S. E- des Herrn Grafen
von W- zu N-, an einen seiner Freunde in F. Man martert sichdarin, Wielanden lächerlich zu machen. Und was ist das Lacherliche?Daß ihm sein Witz in einer unbekannten und possierlichen Gesellschaftnicht so zu Gebote steht, als vor seinem Pulte. Wahrhaftig, wennman ihm weiter nichts als dieses nachsagen kann, so ist er der Voll-kommenste! Denn ich wüßte nicht, wo man in größerer Verlegenheitseyn könnte, als unter Narren, die sich witzig dünken. Wohl dem,der ihnen Narr scheint! — Was sagst Du auch von seiner Vertheidi-gung im Anticato gegen die, welche ihn einer schlüpfrigen Moralbeschuldigen? Hält seine Vertheidigung auch nicht ganz Stich, so istsie doch außerordentlich sinnreich.
Hofrath B- hat einen Katalog von seiner schönen Büchersammlungdrucken lassen. In der Vorrede schmeichelt er sich, daß die RussischeKaiserin sie ihm abkaufen werde. Allein in Rußland ist man mit sol-chen Dingen überhäuft, und so ekel, daß man so wenig dafür giebt,als an einem Orte in der Welt, wie mich Herr Merk, der mit derLandgräfin von Hessen-Darmstadt dort gewesen ist, hat versichern wol-len. Und in dem aufgeklärten Berlin ? Da hier Bücher das Unbe-trächtlichste sind, so werden sie wohl auch das Wohlfeilste seyn.